Von biggipfel
My Concert Reviews
…würde natürlich öfter auf Konzerte gehen, aber Zeit und Geldbeutel lassen nur einige Events zu. Wenn ich danach auch noch die Lust habe, äußere ich mich natürlich gern und gebe meinen Senf ab. So long and keep on Rockin’!
The Revolution is dead – let’s make a Love Revolution!
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Die Revolution begann schon fast eine dreiviertel Stunde vor Einlaß in die Columbiahalle , als der Veranstalter mit der Situation völlig überfordert war, Normalkartenträger von Internetkartenträgern zu separieren. Hatte man vier Kartenabreißer für die “Normalos” an zwei Türen abgestellt, war ein bedauernswerter, aber netter Mann damit beschäftigt, die Wolke von Fans abzufertigen, die sich nach Anweisung der imposanten Einlasser zu einer begehrten Tür quer durch die Massen schieben musste, um sich dann einzeln auf einer Namensliste mit einer etwa achtstelligen Zahl heraussuchen zu lassen und vom besagten Yoga-Mann abgeglichen zu werden, um dann freundlich die Ehre zu erhalten, das Innere der heiligen Rockhalle zu betreten. Aber das durchwachsene Publikum behielt die Nerven und so hing ein Duft von Blumen über der anfänglich gereizten Situation. Warum auch Stress machen, brauchte man doch die Energie für den smarten “US-Altrocker”.

Schließlich war mir sein “cabdriver” schon vor etwa 18 Jahren ein Wurm im Ohr und ein Highlight in jedem Studentenclub…damals in den 90ern. So war es auch nicht verwunderlich, dass das Publikum auf einem Dreigenerationenausflug zu sein schien. Wendehippies mit angegrauten Restlocken neben jungen Abiturientinnen, die wohl eher von der maskulinen Ausstrahlung des sich immer perfekt selbstdarstellenden Womanisers angetan waren und einem anscheinend organisierten Betriebsausflug von Sony Ericsson, die sich die komplette Loge als VIP Bereich abgesperrt zu haben schienen.

Dann war es endlich soweit. 20:26 trat Lenny auf die Bühne und rockte gleich richtig los, die Köpfe wogten im Takt und meine Nachbarin schien textsicher mitzusummen. Begeistert leuchteten ihre Augen beim Anblick des “Revolutionärs der Liebe”. Eine spärliche Bühnenshow, die sich lediglich auf einige bunten Scheinwerfer reduzierte, ließ die Konzentration nicht von der siebenköpfigen Crew abschweifen. Neben der üblichen Rockbesetzung mit Gitarre, Schlagzeug, Bass hatte man sich mit Bläsern aus der Anfangszeit von “Are you gonna go my way” verstärkt. So war auch die Playlist eine Reise durch Lennys bisherige Schaffensperiode von “Let Love Rule” (1989) bis “Baptism” (2004).

Wer auf die Vorstellung seiner neuen CD gehofft hatte, für die er einige kreative Jahre pausierte, wurde enttäuscht. Aber zu dieser Tour lud Kravitz dann alle seine Liebesjünger nochmal im Sommer ein. Lediglich “I’ll be waiting”, das es schon in Bohlens DSDS oder “Klone einen Star” geschafft hat, bot Lenny als Hörprobe dar. Überhaupt schien der gerade von einer Lungenentzündung genesene Superstar seinen Auftritt eher als Testsession zu betrachten, um herauszufinden, wie fit er und seine Mitstreiter schon sind, um spätestens bei der großen Tour im Sommer voll einzusteigen. Für mich, der von der ersten Vinylplatte die Karriere des 1964 in New York geborenen Retrohippies verfolgt hat, war es dann eine doch eher laue Reise, zumal der legendäre “cabdriver” bereits als dritter Song sein Pulver verschoss. So richtig wollte die Energie dann auch nicht überspringen.

Gab Lenny einem zumindest das Gefühl, wieder froh zu sein, auf einer Bühne zu jammen, waren seine Begleiter auf den Saiteninstrumenten eher gelangweilt, der Mann an den Drums konnte seinen Emotionen bei den doch eher einfachen Kompositionen nicht so richtig freien Lauf lassen und so brillierten für mich eigentlich nur die Bläser bei einer 25-minütigen Jam Session, wo jedes Instrument für Lenny “soloieren” durfte. Aber ist man beeindruckt, wenn man auf Kravitz’ Booklets ließt, dass die meisten seiner Songs nicht nur selbst geschrieben, komponiert und jedes Instrument vom Altrocker selbst eingespielt wurde, was sich vor der heimischen Anlage als geradliniger Rock darstellt, so merkt man spätestens bei der Live-Performance, um die Einfachheit der Komposition, die wenig Raum für die Kreativität der Live-Musiker lässt.

Inhaltlich hat sich der Anfang der 90er noch als problemorientierter Rastaman rockende Kravitz immer mehr in die Schmuserockerecke gespielt. Mit jeder seiner neuen Platten wurden die Haare etwas kürzer und leider auch seine Musik berechnender. Ohne Frage, er weiß, wie man Balladen komponiert, um sich erfolgreich in die Herzen der Frauen zu spielen. Aber irgendwie scheinen seine Affairen nur von kurzer Dauer, wie auch seine Konzentration auf problemorientierte Texte. So wundert es dann auch nicht, wenn aus Herzschmerz und etwas Weltschmerz eine “Loverevolution” wird, die in einer Überlängenversion von “Let love rule” gipfelte. Nachdem Kravitz einige Songs früher bei “American Woman” noch wie ein Robinson Club Animateur von einer Seite der Bühne zur anderen springt, um sein Publikum im Robotstyle zum Klatschen zu bewegen, beendet er seinen eher seichten Gig mit erhobener Faust und ruft seine Jünger auf, mit ihm gemeinsam die Revolution der Liebe in die Straßen von Berlin zu tragen.

Einige Wochen zuvor beendeten die Beastie Boys an gleicher Stelle ihr Konzert mit einem Gruß an ihren Präsidenten und heizten dem Publikum mit “Sabotage”, ihrer musikalischen Abrechnung mit der amerikanischen Größenwahnpolitik, nochmal so richtig für den Heimweg ein. An diesem Abend fragte ich mich auf der Fahrt zurück nach Mecklenburg einfach nur, ob ich begeistert sein sollte, weil ein perfekt gestylter Lenny Kravitz, seine schnörkellosen Rocksongs plattengetreu runterspielte und seine weiblichen Fans bei den Balladen verträumt ihre Handys im Takt durch die Luft wippen ließen. Oder ob mein Bild vom coolen Rockrevoluzzer Risse bekommen hatte, weil der Funke für das Pulver der “Love Revolution” bei mir einfach nicht überspringen wollte?

Bleibt die Hoffnung auf den Sommer, wenn Lenny Kravitz wie versprochen auf seiner geplanten Zweijahrestour nochmal nach Berlin kommen will. Ob ich dann wiederkomme, entscheidet sich, wenn mich seine neue “It’s time for a Love Revolution” CD, die als eine seiner kreativsten in der Musikpresse gefeiert wurde, überzeugt hat. Bis dahin…Let Love Rule!

Sunshine in the Barn

Es wurde endlich Zeit, der Café Scheune in Wredenhagen wieder einen Besuch abzustatten. Das Wetter an der Seenplatte um Malchow zeigte sich an diesem letzten Aprilwochenende von der besten Seite:… Sonnenschein und blauer Himmel, Pollen- und Zeckenalarm, Frühlingsgefühle auf ausgebuchten Dampferfahrten, Bikertrupps und Cabrio-Fahrer auf blühenden Alleen… wie also den Tag beenden?

Gut, dass es Musikliebhaber gibt, die ständig auf der Suche nach Events sind und einen mit Tipps versorgen und noch besser, wenn es eine Musikoase in der ansonsten doch etwas verwüsteten Kulturlandschaft rund um die “Perle an der Müritz” gibt. Die Rede ist von Wredenhagen, einer kleinen Gemeinde zwischen Feldern, Weihern und Wäldern, etwa 10 Minuten von der Autobahnabfahrt Röbel entfernt. Hier steht eine Scheune, die auf den ersten Blick wie der alternative Spielplatz einiger Althippies aussieht. Aber im Innern verbergen sich ein kleines Café mit Galerie und eine kleiner Konzertsaal. Trotz Rauchverbots war die Scheune gut gefüllt und man traf sich entweder im Garten zum Nikotin “inhalieren” oder auf eine “kultivierte” Zigarette in der Galerie im ersten Stock, wo beim Qualmen über neue Bilder und Fotografien philosophiert werden konnte. Ich persönlich bin begeistert und habe die “abgasfreie” Luft im Konzertsaal genossen. Rauchverbot?!… in der Scheune also kein Problem!

Immer wieder habe ich mich gefragt, wie oder warum sich Musiker in diese Einöde verirren können. Sie wollen! So auch gestern, als sich Todd Thibaud aus Boston und Joseph Parsons aus Philadelphia, die sich, wie soll es anders sein, erst auf einer Deutschlandtour über den Weg liefen, die Ehre gaben. Eigentlich war ihre aktuelle Tour schon beendet, aber dann zog es sie doch noch einmal in die nordische Einsamkeit. Kein Wunder, denn in Wredenhagen hat man ein dankbares Publikum. Wer allerdings denkt, dass sich hier einige Einheimische der benachbarten Dörfer einfinden, da ja am Wochenende sonst nichts los ist außer DSDS im Flimmerwürfel, Kittelschürzen und Gummistiefel im Takt schunkeln, irrt gewaltig. An Samstagabenden einen Platz auf dem Scheunenparkplatz zu bekommen ist eher problematisch, denn man kommt schon früh aus Neustrelitz, Parchim, Demmin, Potsdam oder Berlin.

Ja, es hat sich rumgesprochen, dass die Scheune es schafft, Musikgrößen wie E. Murphey, Hardpan, Naked Raven, M. Olson (ehemals Jayhawks) oder eben Todd und Joseph in die Provinz zu locken. Sicherlich spielt dabei die Zusammenarbeit mit Blue Rose Records eine nicht unerhebliche Rolle, die viele der Musiker auf ihrem Label vertreten. Hier geben sich Australier, Schweizer, Armenier, Amerikaner und Deutsche die Mikrofone in die Hand, mischt sich American Folk mit Ska, Hip Hop, Rock oder Salsa. Es ist eine bunte Mischung, die für das eben so bunt gemischte Publikum bereitgehalten wird.

Hier trifft man den Gemeindepastor, die Landwirte aus dem Nachbardorf, hier tanzt der Stadtwerkler aus Malchow mit der Lehrerin aus Berlin oder “snacken” Touristinnen aus Hamburg mit Abiturienten aus Röbel. Selbst für Familienausflüge wird der Samstagabend genutzt. Entgegen dem allgemeinen Trend, mit der Familie bei Mac Donald’s einzukehren, gab es gestern Abendbrot bei American Folk. Zugegeben, den Jüngsten wurde es nach einer dreiviertel Stunde etwas langweilig am Tisch der Eltern, die sich entspannt von den ruhigen Klängen treiben ließen.

Todd Thibaud

Waren Todd Thimbaud und Joseph Parsons bei ihrem letzten Konzert mit Band angereist, sollte es an diesem abend eine duale Session werden. Songs über die amerikanische Weite und den darin verirrten Anhalter, die einzige Liebe, die so schwer zu finden ist, den Sonnenschein im Herzen beim Anblick von spielenden Kindern oder dem wilden Krokodil tragen die beiden so harmonisch vor, dass man bei der Coverversion von “The Boxer” die Augen schließt und glaubt, Simon and Garfunkel stünden mit auf der Bühne. Es fügt sich, wie in der Vorankündigung versprochen…Akustikgitarren & warmherzige Vocals fließen ineinander wie Kaffeepulver und heißes Wasser, wie Whiskey & Cola…”.

Joseph Parsons

Parsons und Thibaud sind zwei klassische Songwriter, die dem American Folk verbunden sind und es neben ruhigen Tönen auch rocken lassen können, wie sie es mit Hardpan bewiesen haben und auch auf Todd Thimbauds Doppel Live CD oder Joseph Parsons letztem Album “The Fleury Sessions” zu hören ist. So war es schon etwas schade, dass der Abend für meinen Geschmack etwas zu ruhig bei Kerzenschein und Dunkelbier an einem vorüberzog. Der jüngere Familienanhang hielt dennoch tapfer durch und als das “Crocodile” die Zugabe eröffnete, hatten sich sogar einige Tänzer gefunden. Ihre neue CD wird sicherlich nicht zu ruhig sein. Der eine oder andere Besucher kaufte sie sich als Erinnerung und ließ sie gleich signieren. Denn das gehört zum Flair der Café Scheune dazu… hier kann man mit den Musikern ganz ungezwungen plaudern, wird auch mal auf Zuruf ein Song außerhalb des Programms gespielt oder zu später Stunde greifen die Stars nochmal ganz spontan zu den Instrumenten und jammen für die “Nighthawks in the Barn”.

Auf jeden Fall sollte man mal einen Blick auf die Scheunen Homepage zu werfen, die über die kommenden Events informiert. Aber auch so lohnt ein Besuch, denn es wäre Schade, wenn wenn dieser kleine Oase mangels Besucherzahlen das Wasser abgestellt würde.

Blauer Berg auf flachen Land


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Samstagabend und die Entscheidung fällt auch diesmal beim Blick in die Fernsehzeitung und der gähnenden Leere im Kühlschrank leicht… Musik und Dinieren! Da braucht man nicht lange zu überlegen, denn die Scheune in Wredenhagen plakatiert eifrig im Voraus, so bleiben Termine gut im Hinterkopf und zur Not gibt es ja noch die Homepage. Essen war ich in Wredenhagen bisher noch nicht, konnte mich aber an gedeckte Tische erinnern. Blieb die schwierige Frage, wann man aufbrechen müsse, um noch einen der begehrten Plätze zu bekommen.

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20:10Uhr war natürlich schon zu spät, die Tische in der „Eingangslobby“ bereits besetzt, aber im Saal bieten die umfunktionierten Nähtische Platz genug für Teller und Bierglas. Die Speisekarte ist perfekt für Leute, die sich nicht entscheiden können, denn man hat die Wahl zwischen einer handvoll hausgemachter Angebote. Steak, Fisch, Würstchen oder Spiegeleier werden mit Bratkartoffeln oder Kartoffelsalat gereicht, die Teller mit buntem Gemüse garniert. Es schmeckt wie bei „Muttern“ (die natürlich kaum zu toppen ist) und die Portionen lassen Platz, um beim anschließenden Konzert noch etwas mitzuwippen. Diesmal kamen Blue Mountain in den verregneten Nordosten. Drei Amerikaner aus Mississippi, die zurzeit durch Europa touren, um ihren Albumdoppelschlag mit „Omnibus“ und „Midnight in Mississippi“ live zu promoten. Nach den ersten zwei Liedern kommen einem Bands wie Wilco, Son Volt oder die Jayhawks ins Gedächtnis und man kann Blue Mountain schon der No-Depression-Szene zuordnen. Frisch aufgespielter Country- and Folkrock, dem Sänger Cary Hudson durch seine markante Stimme, mal zurückhaltendem und mal schreiendem Gitarrenspiel seine spezielle Marke verleiht.

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Auch wenn die Ehe mit der am Bass begleitenden Laurie Stirratt, deren Bruder übrigens den Bass bei Wilco zupft,  nicht harmonierte, sind beide auf der Bühne doch eine homogene Einheit. Nach acht Alben reicht ein Blick oder eine kurze Bewegung und man weiss, wohin die musikalische Reise gehen soll.  Unterstützt werden Cary und Laurie von ihrem Ersatzschlagzeuger Tim Burkhead. Sein Talent zeigt der noch etwas jüngere schwarze Musiker später bei einem Schlagzeugsolo. Ganz locker, wie ein alter Hase, lässt er seine Sticks über die Drums gleiten und animiert die Zuschauer immer wieder zu spontanen Applauseinlagen.

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Der Funke zwischen dem Publikum, das wie immer zahlreich erschienen ist (Was macht man sonst auf dem flachen Land am Samstag Abend?) und dem Trio springt bereits beim ersten Song über, als zwei junge Mädchen in der Mitte des Saales den Tanzreigen eröffnen. Ich bin etwas erleichtert, als das Trio nach den ersten Songs die Countryschiene verlässt, denn ich befürchte ein in Reihe celebrierten Lime Dance Beitrag. Aber die Tanzenden lenken ein und steigen auf die nun folgenden Folkrockstücke voll ein. Erst zur Pause leert sich die Tanzfläche etwas. Wredenhagen bietet für jede Band ein dankbares Publikum, und so wundert es auch nicht, als die Musiker immer wieder zu ihren Kameras greifen, um die Stimmung vor der Bühne einzufangen. Und das obwohl sie durchaus größere Events kennen. Im April 2008 traten sie beim Double Decker Arts Festival in Oxford, Mississippi, vor 40.000 Leuten auf. Auch wenn sie eher introvertiert ihr Programm abspielen, merkt man ihnen die Freude am Musizieren an und als das Publikum dem Wunsch nach einem Hefeweizen, einem Pils und einer Coke für Tim nachkommen, merkt man, dass die Mischung auch an diesem Abend geglückt ist. Natürlich entlassen die Musikfans in der Scheune keine Band ohne Zugabe. Damit zeigen Blue Mountain noch einmal, dass sie zu den rauesten Bands der No-Depression-Szene gehören und spielen unter anderem eine der für mich besten gelungenen Coverversionen des Neil Young Klassikers „Cinnamon Girl“. Es scheint, als sei die Luft dann auch raus, denn Morgen geht es endlich wieder zurück über den großen Teich. Das noch tanzende Publikum akzeptiert, applaudiert, klopft den drei Musikern beim Verlassen der Bühne dankbar auf die Schultern und lässt sich die neue CD signieren. Als ich meinen letzten Schluck Ducksteiner nehme, das Abendmahl ist bereits gut verdaut und mich auf den Heimweg machen will, traue ich meinen Augen nicht: In der Lobby sitzen Cary, Laurie und Tim um einen großen Tisch und geben den „Nighthawks“ noch eine Unplugged-Session. Die Südstaatler scheinen doch nicht tourmüde zu sein… oder ist es das deutsche Bier, was ihnen so gut schmeckt -  in einer Scheune im Norden Deutschlands.

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A personal Jesus for good weather

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Es hat fast 30 Jahre gedauert, bis ich Depeche Mode live erleben durfte und wollte. Ja, nach dem gestrigen Konzert im Berliner Olympiastadion kann ich voller Stolz behaupten, dass ich damals wirklich ein bekennender Fan war. Bekennend natürlich mit Martins “Atompilz“-Frisur und ganz in schwarz. Wir waren jung, naiv und hungrig nach neuen Trends und mit Depeche Mode und einigen anderen “Inselbands“ schwappte genau dieses Lebensgefühl über die damals noch hohe Berliner Mauer. Zugegeben, Songs wie „Just can’t get enough“ und „Shout“ trafen nach einiger Zeit nicht mehr die schnell wechselnden Gemütsverfassungen eines 14jährigen und schwarz war auf die Dauer in den 80gern auch zu langweilig. Wir verloren uns aus den Augen und es gab Zeiten, da bestritt ich sogar, je Depeche Mode gehört zu haben und betrachtete ihre Musik als „Leichen in meinem CD-Sammlungs-Keller“. Trotzdem kann ich behaupten, ihren Weg in unregelmäßigen Abständen gekreuzt zu haben. „Black Celebration“, „Ultra“ und „Playing the Angel“ fanden umgehend einen festen Platz zwischen David Bowie, Danzig, Dog eat Dog und den Doors. Ich nahm Anteil an der Angst der Fans, als sich Dave 1996 für knappe zwei Minuten in den Rockhimmel schoss, was sicherlich das „Aus“ für D.M. gewesen wäre.

So war es keine Frage, dass ich nach den neuerlichen Nachrichten vom Gesundheitszustand des Frontmannes, die Karte für das Berlin Konzert dankend annahm, weil ein Freund zu Filmaufnahmen nach Kroatien musste. Viele beneideten mich und hätten mir zu Füßen gelegen, wäre ich nicht nach Berlin gefahren und hätte die Karte weitergereicht. Rückblickend hätte das wohl nicht gereicht für das, was ich dann erleben durfte. Relativ erwartungslos setzte ich mich ins Auto und fuhr unter dem akustischen Eindruck von „Sounds of the Universe“ in die Hauptstadt. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte mich die neue Scheibe noch nicht überzeugen. Eingefleischte Fans legten mir aber ans Herz, mich ganz allein bei einer eher „nachbarunfreundlichen“ Lautstärke auf das Album einzulassen.

Die Spannung stieg, als ich zum ersten Mal die heilige Halle von Hertha betrat und mich die weit gereiste Fangemeinde in ihren Bann riss. Es war ein „Deja Vu in Black“. Allerdings kostete die Zeit von 18:00 bis 21:00 Uhr Stehvermögen und musikalische Toleranz, denn die Vorbands konnten weder vom Sound noch von ihrer musikalischen Kreativität überzeugen, was selbst den Himmel etwas missmutig stimmte. Und so musste ich schmunzeln, als einige Hardcore D.M. Fans bei Polarkreis 18 meinten, dass es kein Wunder sei, dass diese Dresdner Jungs so „allein“ seien und den Refrain in “…nu fahrt nach Haus!…nu fahrt nach Haus“ umkomponierten.

Als das Warten gegen 21:00, versüßt durch das Bier aus den Universe Tour 2009 Bechern ein Ende hatte, schien der Himmel wieder aufzureißen und da war er, ihr „Personal Jesus“ , der ein gutes Wort beim Wettergott eingelegt hatte und uns einen perfekten Juniabend bescherte. Mit „In chains“ eröffneten Dave, Martin und Andy ihre Show. Mit dem ersten Takt rückte das Stadion zusammen und eigentlich hätte sich Dave gesanglich schonen können, denn was Depeche Mode Fans wirklich sind, ist textsicher. Meine angereiste Hamburger Nachbarin sang mit ihren Begleitern vom ersten bis zum letzten Wort das gesamte Set mit. Plötzlich stimmte der Sound und konnte mich als Stadion-Konzert-Skeptiker voll überzeugen und etwa 40 Meter entfernt von der Bühne kommt man auch visuell bei knapp 1,90m voll auf seine Kosten. Klare Instrumente und brillant abgemischter Gesang rockten die etwa 60.000 enthusiastischen Besucher von der ersten Sekunde.

Beeindruckend wie die eher reservierten Briten den Funken überspringen ließen, mit welcher Begeisterung sie selber dabei waren und wie das Publikum es ihnen synchron klatschend dankte. Dave, wider Erwarten, ein Energiebündel, ersparte uns die „Schmalz” triefenden Ansagen wie “Berlin we love you!“ oder ein zehnfach Nachgefragtes “How do you feel out there?“ . Das brauchen die Jungs auch nicht, denn man kann davon ausgehen, dass Depeche Mode ihre größte Fangemeinde in Deutschland hat! Belohnt wurde diese mit einer Reise quer durch ihre Alben untermalt von fantastischen Bildern. Es gab keine monströsen Lightshows, exotischen Kostüme oder pyrotechnischen Spielereien, die nur gestört hätten. Perfektion durch Minimalismus bestimmte den gesamten Abend.

Kurze Skepsis kam auf, als Dave nach dem ersten Drittel die Bühne verlies und Martin für zwei Songs das Mikro übernahm. Bei Nahaufnahmen stand Dave ins Gesicht geschrieben, dass es in seinem Zustand kein lockerer Job war, was man ihm aber bei seiner Show keineswegs anmerkte. Allein die Begeisterung der Fans trug ihn für die fast zwei Stunden scheinbar leichtfüßig über die Bühne und schien ihn alle Tiefen seines Schicksals vergessen zu lassen. Er dankte es mit seinen Mitstreitern und spielte zwei Zugaben, die in einem „Waiting for the Night“ Duett mit Martin einen glanzvollen Abschluss fanden.

Ergriffen und überwältigt verharrten viele im Publikum noch als  die Flutlichter bereits das Innere des Olympia Stadions in gleißendes Weiß hüllten und meine Nachbarin hatte sogar Tränen der Dankbarkeit(?) in den Augen. Ich erwachte etwas schwermütig aus meinem Deja Vu und gedachte der doch so schönen Teenie-Zeiten.

Auf dem Weg nachhause hörte sich „Sounds of the Universe“ plötzlich viel voller an und das nicht nur, weil man auf der nächtlichen Autobahn keine Rücksicht auf seine Nachbarn nehmen muss. Eins steht jedenfalls fest… wenn Depeche Mode wieder in Berlin sind, werde ich mich rechtzeitig um Tickets kümmern!

Ein “maximales” Feuerwerk auf “blutroten Schuhen”

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Der verregnete Herbst in Berlin treibt die Menschen in die Konzerthallen. Das Angebot an Bands, die sich der Hauptstadt präsentieren wollen, scheint schier unerschöpflich. Da muss man beim Blick ins Portemonnaie schon rechnen und eine Auswahl treffen. Aber Maximo Park sollte es dann einem schon wert sein. Die Halle spiegelte um 20:15 wider, was sich auf den Straßen zur Columbiahalle angedeutet hatte. Überall blockierten Straßensperren die freie Fahrt für Autofahrer, um auch den kaufwütigen Randberlinern den langen Einkaufssamstag so angenehm wie möglich zu machen. Ich ahnte den Frust der im elterlichen Auto sitzenden Teenager, die im Stau stehend auf die Spiesserwelt, die Polizei und ihre Eltern schimpften.

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So mussten “The Films“, die den langen Weg aus den USA auf sich genommen hatten, vor einer dünnen Fangemeinde spielen. Vielleicht war das der Grund für die etwas unterkühlte Stimmung auf und vor der Bühne. Die Jungs aus Carolina gaben sich Mühe, aber der Funke sprang einfach nicht über und so schienen sie erleichtert, als sie die Bühne wieder verlassen konnten. Mögen die vier Highschoolfreunde als Vorband der “Kooks” mehr Spass gehabt haben.  Aber auch solche Erfahrungen muss man eben als junger Musiker machen. Da schützen die Veröffentlichung zweier Alben und ein Major Vertrag bei Warner Musik nicht. Mein Nachbar fragte in der Umbaupause, wer diese Jungs gecastet hätte… aber wenn sie fleißig weiter üben, sollte man ihnen eine zweite Chance geben. Ich nutzte die Chance und holte mir mein zweites Bier und bei meiner Rückkehr hatten sich die Reihen vor der Bühne angenehm gefüllt. Wie immer fiel mir auch diesmal die Altersbreite des Publikums auf.

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Dann kamen “Blood Red Shoes“ auf die Bühne. Eine Zwei-Personen-Band, die mit dem ersten Schlag von Steven Ansell auf sein Drumset ein Feuerwerk entfachten, was ich wirklich nicht erwartet hätte. Natürlich fallen einem die White Stripes oder PJ Harvey ein, wenn die zarte Laura-Mary Carter ihre Gitarre zu den schnellen Beats rockt und dazu etwas abwesend blickend röhrt. Es dauerte auch nicht lange und die vorderen Reihen waren im Pogo-Fieber. Zusammen kamen die beiden “Hard“–Rocker zwischen 2004 und 2005 in Brighton (England), nachdem sich ihre ehemaligen Bands “Lady Muck“ und “Cat On Form“ aufgelöst hatten. Bis 2008 sollte die Arbeit an ihrem ersten Album “Box of Secrets“ dauern, welches sie beim Indie Label V2 herausbrachten. Dass dem über 300 Liveauftritte vorausgegangen waren, merkt man den beiden auf der Bühne an. Aufeinander abgestimmt spielen sie souverän ihre Show runter und glänzen durch musikalisches Können und britisches Understatement. Für mich waren sie die Überraschung des Abends und allein schon das Eintrittsgeld wert.

Aber die meisten waren wohl wegen Maximo Park gekommen. Da konnte der etwas plump wirkende Moderator noch so oft auf die eigentliche Jubiläumsparty des Gratis-Musikblattes “Uncle Sally’s“ hinweisen. Das Alter sagt man, sei nur eine Zahl, aber dieser lustige Herr schien mit seinen dummfröhlichen Kommentaren wirklich deplaziert. Ich hätte ihn mir eher bei einem Glas Rotwein und Operettenmusik im heimischen Kaminzimmer gewünscht. Den Gipfel seines persönlichen Tiefpunkts beschritt er, als ihn eine Dame aus dem Publikum berühren durfte, um ihr das Gefühl zu geben, jemanden betatscht zu haben, der wenige Sekunden später die Bühne verlies, auf der Maximo Park ihren Auftritt haben würden. Peinlicher ging es nicht und wurde dementsprechend mit Buh-Rufen und Pfiffen gewürdigt.

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Gut, dass dann endlich Paul Smith übernahm… und das tat er mit seinen Jungs wie ein Wirbelsturm. Euphorisch sangen die Fans vom ersten Lied an mit und die ganz hartgesottenen ließen ihren Pogo-Schweiß vor der Bühne abtropfen. Letzteres ist natürlich unumgänglich, aber neben den ständigen unkoordinierten Ellenbogenattacken gegen andere Konzertbesucher nicht ganz ungefährlich. Es dauert nämlich nicht lange, als einer jungen Dame neben mir im Gedränge das Handy aus der Hand gerissen wird und sie beim Versuch es aufzuheben, kaum den blind stampfenden Füßen entkommt, die sie in den Boden zu trampeln drohen.

Paul Smith natürlich mit Hut und Geburtstagskind Lukas Wooler am Keyboard stehen im Mittelpunkt der „maximalen“ Show und geben das Tempo vor. Ein kleines Podest lässt den quirligen Sänger bei seinem Laufpensum über die Bühne immer mal wieder zur Ruhe kommen. Unter Beifall werden dann etwas narzistisch die schmalen Hüften geschwungen. Manchmal liegt der Verdacht nahe, dass der „geschmeidig tänzelnde“ Frontmann den einen oder anderen Tag in seiner Jugend im Ballettsaal verbracht hat, was seit “Billy Elliot“ ja keine Schande mehr ist. Natürlich bestand das Programm in erster Linie aus Songs der 2009 veröffentlichten CD “Quicken the Heart“, dem mittlerweile vierten Album der 2003 im nordenglischen Newcastle gegründeten Band. Professionell spielen die fünf Jungs ihr Programm herunter. Keine überflüssigen Bühnengags lenken vom geradlinigen Indie-Rock ab. Der Sound, anders erwartet man es auch nicht, ist brillant und die Breaks sitzen perfekt.

Aber so schwer mir das Hineinhören in die neuen Songs gefallen ist, so sehr vermisse ich während des Konzertes doch das eine oder andere musikalische Highlight. Weder Tom English am Schlagzeug oder Duncan Lloyd an der Gitarre bekommen die Chance, ihr musikalisches Talent in einem Solo unter Beweis zu stellen. Lediglich Archis Tiku begab sich einige Male auf Wanderschaft in Richtung Bühnenmitte dabei hochkonzentriert die fetten Bassaiten zupfend. Für mich waren die Stücke vom “Our Earthly Pleasures“ Album von 2007 und  ihrem Debütalbum “A certain Trigger“,  die leider erst gegen Ende gespielt wurden, die Höhepunkte des Konzertes. Keine Frage: Maximo Park spielen in der oberen Liga des Musikbiz und wurden dementsprechend in Berlin gefeiert. Ein glücklicher Umstand war vielleicht auch die Verlegung aus der Treptower Arena in die doch „lauschigere“ Columbiahalle, die -man muss es gestehen -noch für mehr Besucher Platz gehabt hätte.

Nach dem Pflichtprogramm meldeten sich die drei getrunkenen Bier in meiner Leistengegend und ich entschied mich für den Rückzug in Richtung Ausgang, wo ich mit Erstaunen feststellte, dass die ersten Gäste die Halle bereits verließen. Etwas „erleichterter“ hörte ich aus einiger Entfernung der zweiten Zugabe zu und beschloss für mich, dass “Blood Red Shoes“ meine persönlichen Favoriten des Abends waren. So blieb ich dann auch beim Verlassen der Columbiahalle am Merchandising Stand hängen und beschloss, dem britischen Duo noch ein paar Euro für ein Band T-Shirt zukommen zu lassen.

Auf jeden Fall war die Columbiahalle wieder eine echte Alternative zum Heim-TV-Abend an diesem ungemütlichen Oktobertag in der Hauptstadt!

Clutch – das etwas härtere Geburtstagsständchen

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Gut das mich mein Mac per Gigometer täglich über die Events in Berlin updated. So nahm ich mit Freude zur Kenntnis, dass sich CLUTCH in Berlin aufhalten und im Lido aufspielen. Im Gepäck hatten sie KAMCHATKA und KYLESA. So zufällig, wie ich vor einigen Jahren über die “Blast Tyrant” Scheibe von Clutch stolperte und seitdem begeisterter Fan bin, so auch über diesen Gig. Nachträgliches Geburtstagsgeschenk dachte ich und fuhr los in Richtung Kreuzberg. Das Lido an diesem Abend eher in gedeckten Schwarztönen gehalten, Leder, Bärte und lange Haare schieben Bierflaschen vor sich her. Farbtupfer im Dunkel sind einige bunttätowierte Frauenarme und T-Shirtaufdrucke. Frauen sind in der Unterzahl, schwer liegt männliches Testosteron  in der Luft.

Kamchatka eröffnen die Show und die drei Schweden legen richtig gut vor. Seit 2005 veröffentlichen sie im Zweijahrestakt und touren seit 2007 mit Clutch. Kein Zufall, denn da scheint die Mischung zu stimmen – straighter Rock beeinflusst von Hendrix, Trower und Zeppelin, wie man bei Thomas Andersson an der Gitarre ganz eindeutig feststellen kann. Saubere und geradlinige Riffs zu einem treibenden Bass von Roger Ojersson und einem locker aufspielenden Tobias Strandvik an den Drums. Leider spielte Kamchatka nur vor halbgefüllter Halle… lag es am Rauchverbot? “Volume 3″ – ihr letzter Release bei Grooveyard, sollte nach dem viel zu kurzen Auftritt an diesem Abend auf jeden Fall auf der Liste der CDs stehen, in die man mal reinhören muss.

Folgten nach kurzem Umbau und einer Zigarette im “Raucherzelt” Kylesa…  mir, ich muss gestehen, überhaupt kein Begriff. Gegründet wurde die Band Ende 2000 in Savannah (Georgia). Gespannt war ich allerdings als gleich zwei Leute (Eric Hernandez und Carl McGinley) hinter jeweils einem Drumset Platz nahmen und eine Frau (Laura Pleasants) mit Gitarre die Bühne betraten. Mit offener Löwenmähne stieß dann noch Phillip Cope mit seiner Gitarre dazu. Was dann folgte war schon ziemlich brachial. Im Wechsel teilten sich Laura und Phillip das Mikro, konnten aber schwer gegen die musikalische Wand ansingen. Ja es war laut und ich gebe es zu, ich dämpfte die Lautstärke mit Ohrstöpseln. Wo kann man Kylesa, was sich von Kilesa Mara ableitet und im Buddhismus für die fünf Dämonen der Verderbtheit steht, einordnen? Auf jeden Fall entstammen die Wurzeln dem Heavy Metal mit Einflüssen aus dem Doom Metal und Punk Rock – Sludge Rock vielleicht. Mich überzeugte eigentlich nur die fuluminante Kraft, die von den beiden Schlagzeugern ausging. Mal synchron, mal gegenläufig arbeiteten die beiden schwer und trieben Kylesa durch das Programm. Erst viel später nahm ich den Bassisten wahr, aber konnte man den wirklich noch definiert heraushören? Kylesa sind Geschmackssache. Vielleicht könnte man sich bei den vier produzierten Studioalben reinhören. An diesem Abend waren sie eher ein Bruch in der Abfolge der Bands.

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Doch das nahm ich mal so hin, denn schließlich war ich ja wegen Clutch gekommen. Gegen 22:20 Uhr war es dann soweit. Neil Fallon schlich sich im Schatten der Bühne an sein Mikro und wie nicht anders zu erwarten, begrüsste ihn der dann doch volle Saal auf seine Art. Arme wurden hoch gerissen, Bier verschüttet und ein tiefes Männerraunen signalisierte, dass es jetzt doch endlich losgehen solle. Ich riskierte es und nahm trotz meiner unmittelbaren Nähe zur Bühne die Ohrenstöpsel raus. Kein Problem, denn Clutch waren sauber abgemischt und manchmal ist weniger eben doch mehr. Fallon bestimmt eindeutig die Bühne. Fast dämonisch blickt er dem Publikum in die Augen und schleudert seine Texte mal schreiend mal raunend durch den Rauschebart in den Saal. Gitarrist Tim Sult und Bassist Dan Maines sorgen eher zurückgezogen und hoch konzentriert für eine musikalische Dampfwalze, die die Fans anfänglich etwas zu überrollen scheint. Etwas paralysiert wiegen sich die Köpfe im Takt und fast ehrfürchtig lauscht man Fallon. Doch schnell löst sich die Starre und spätestens bei “The Mob goes Wild” kocht der Saal und mich befördert die Energie der springenden “Wilden” von Reihe zwei in das hintere Drittel. Auch wenn Clutch ihr neues Album “Strange Cousins from the West”, bei Weathermak (Soulfood Music) erschienen vorstellen, findet sich Zeit für  Klassiker. Und genau hier zeigt sich, dass Clutch in Deutschand eine eingeschworene Fangemeinde hat, die textsicher ist und die Karriere der Band, die sich bereits in den 90er Jahren in Germantown (Maryland) gründete, verfolgt. An die 17 Alben hat man veröffentlicht, auch wenn die Band ständig von den Plattenlabels weitergereicht wurde. Clutch hat nach all den Jahren ihren Stil gefunden. Ein Versuch, sie einer bestimmte Musikrichtung zuzuordnen fällt schwer. Anfänglich noch als Hardcoreband (oft mit Helmet verglichen) gehandelt, die sich später auch an Doombands wie Wretched orientiert, wird ihr Sound zunehmend auch von  Vorbildern wie Black Sabath und Led Zeppelin beeinflusst. Clutch haben es geschafft, aus all diesen Einflüssen einfach ihr eigenes Ding zu machen, nenne man es Stoner Rock, Hard Rock oder einfach nur CLUTCH! Es zeigt sich, dass Fallon&Co. lange genug ausserhalb des Studios unterwegs waren, denn musikalisch sind sie einfach nur genial. Vielleicht sind sie nicht massenkompatibel, aber ist das wirklich schlimm? Ihre Fans mögen sie, wie sie sind und Clutch scheinen damit kein Problem zu haben. Sie rockken die kleinen Hallen und Stadien dieser Welt solide durch und das mit einer ungeheuren Energie und handwerklichen Können. So überspielt man dann auch ganz locker kleine technische Probleme an Fallons Verstärker und Schlagzeuger Jean Paul Gaster, der geht sowieso völlig auf in der Musik. Es scheint, als würde die Welt um ihn herum nicht mehr zu existieren, sobald er mit seinen Drumsticks das Schlagzeug bearbeitet und nur Neil Fallon kann sich da bei der Zugabe in Gasters kleine Welt einklinken und gemeinsam mit ihm die Kuhglocken “streichelnd” das Berlin – Konzert gegen 00:10 Uhr beenden. Es hat gerockt und wird weiter rocken mit CLUTCH! So hatte ich es erwartet… danke für das nachträgliche Geburtstagständchen!

PS: Ob ich es heute noch zu Skunk Anansie schaffe?

The Prodigy vs. Weight Watchers

Wer kam bloß auf die Idee, bestuhlte Tribünen in die Arena zu stellen?! Ok, natürlich ein unbedingtes Muss für die Fans, denen das Leben übel mitgespielt hat und an den Rollstuhl gefesselt hat. Akzeptiert! Aber wir sprechen von Prodigy(!) und wer da sitzt, obwohl er nicht muss, ist definitiv im falschen Konzert. Schon der Sohn eines Bekannten fragte beim Betreten der Arena, ob sein Vater lieber etwas relaxter sitzen wolle. Hallo?! – als wären wir die Weichspülergeneration. Es sollte sich im Laufe des Abends zeigen, wer das Zeug hat, die Halle zum Beben zu bringen.

Prodigy hatten sich für ENTER SHIKARI als Vorband entschieden. Vier „Jünglinge“, die sich 2003 in St. Albans gründeten und aus Computersamples, Bass, Gitarre und Schlagzeug einen springenden Post-Hardcore-Sound von der Bühne brüllen. Was oft einen krachigen Anfang hat läuft sich aber in einem Perwoll-Gesangstrio-Mischmasch fest. Immerhin wippt man an einigen Passagen in den Knien mit, mehr bleibt dann eigentlich nicht. Aber vielleicht ist das ja auch eine Frage des Alters, denn die Jungs gehören zur jüngeren Konsolengeneration, denen sie ihre Songs für PC Games wie Madden 08 und NHL 08 widmen. Betrachtet man die Liste der Bands, mit denen sie touren (Linkin Park, Billy Talent und eben The Prodigy), hätte man mehr erwarten können. Aber sie gaben sich Mühe und immerhin feierte Schlagzeuger Rob Rolfe sich und seine Kumpels nach jedem Song euphorisch. Geschmackssache!

Natürlich, da waren sie wieder, die Sitztribünen auf dem Weg zum WC, dass ich wegen der Ansteckungsgefahr dieser Tage eigentlich nicht aufsuchen wollte. Sitzen bei Enter Shikari… war eigentlich doch keine schlechte Idee. Dicht gedrängt schieben sich Männer im Fließbandtempo durch den verstopften Gang an den Pinkelbecken vorbei. Wer weiß, ob man beim Mainact noch mal Gelegenheit dazu hat. Wer demnächst mit einer Steckdose im Gesicht rumläuft, hat sich wohl nicht die Hände gewaschen. Aber mit diesem Risiko lebt man nun mal bei solchen Großveranstaltungen. Zumindest hatte sich ein Fan Gedanken gemacht und einen Nase-Mund-Kondom angelegt. Sollte das ein Omen sein?

Für Prodigy schon, denn plötzlich lüftet sich der schwarze Vorhang und grelle Stroboskopblitze erhellen zu den fetten Basslinien von „World’s on Fire“ übergeleitet in „Omen“ die Arena. Diesmal hatte ich mich erstmal etwas weiter ab von der Bühne platziert. Aber ausgenommen der Sitztribünen, rockte jetzt wohl die ganze Halle. Meine Befürchtung hat sich nicht bestätigt – Keith&Co haben nochmal einige Watt aus dem Ärmel gezaubert und das macht richtig Spass!
Vibrierende Bässe massieren die Magengrube, abrupte Breaks lassen die Kniekehlen einknicken, wild schwingende Köpfe brüllen Textbrocken in die Lightshow-Bombardements. Wer hier sein Handy rausholt, um Bilder oder Videomitschnitte zu machen, spielt mit dem Totalverslust seiner kleinen Datenbank.

The Prodigy hatten auf ihrer Datenbank zum Glück die alten Stücke nicht entsorgt. Keith Flint schleudert in gewohnter Manier seinen „Firestarter“ in die wogende Masse und MC Maxim Reality läßt bei „Smack my Bitch up“ sogar für den Bruchteil einer Sekunde die Tanzwütigen auf die Knie gehen, um sie umso heftiger beim Refrain in die Luft springen zu lassen. Etwas Zeit zum Atem holen blieb nach „Breathe“ und der Rückkehr von Prodigy für die Zugabe. Es fühlt sich an, als würde ein Tsunami von „Out auf Space“ durch die Arena rollen, dem man sich nur springend entgegen werfen kann.

Kurzzeitig hatte ich mich durch die Welle unmittelbar vor die Bühne treiben lassen. Hier war der Spielplatz für die wirklichen Hardcore-Electro-Punks. Bloßgelegtes, tätowiertes Fleisch wringt rücksichtslos literweise Wasser aus den mit dem dumpfen Takt kämpfenden Körpern. Unglaubliche Energien werden hier freigesetzt! Genial, wenn man diese in umweltfreundliche Wattstunden umsetzen könnte. Nach zwei Songs trete ich bei “Take me to the Hospital” und mit Rücksicht auf meine fehlende Kondition und Ohrstöpsel den Rückzug an. Völlig durchgeweicht hängen mir die Klamotten am Leib und die Zunge ausgetrocknet am Kinn. Wasser!! Da hatte sich die Frage nach der Weichspülergeneration geklärt… Prodigy hatten das Duell eindeutig für uns entschieden!!!

Ich, eher froh über jedes Kilo, habe wohl 2-3 Kilo verloren, während Prodigy an diesem Abend gezeigt haben, wie man auch ohne Weight Watchers aber mit viel Spass Kilos verbrennen kann. Für mich wird es jedenfalls ein Stück Arbeit, die verlorenen Kilos wieder kulinarisch auf die Rippen zu bekommen. Dann aber jeder Zeit wieder zu Prodigy, die für mich eines der besten Konzerte in diesem Jahr in dieser Stadt gegeben haben.

Es war endlich soweit. Lemmy gab sich mal wieder die Ehre, Berlin zu rocken. Über Motörhead gibt es nicht viel zu philosophieren – you love them or you hate them! Für viele sind sie einfach nur Krach – für mich sind sie Kult. Nach 23 Studioalben und vier Live Alben, die zugegen nicht immer so abgemischt wurden, dass sie die Boxen meiner Anlage voll zum Schwingen bringen, musste ich mir Motörhead endlich mal live antun. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Dafür eher enttäuscht von der letzten Black Stone Cherry Veröffentlichung „Folklore and Superstition“,  war ich trotzdem auf die vier Jungs aus Kentucky im Vorprogramm gespannt. Aber wie immer zog ich Endlosschleifen bei der Suche nach einer geeigneten Parkgelegenheit im Umkreis der Arena. Die „heilige“ Halle war weitläufig von den Staatshütern abgesichert worden und so wurde die Bühne bereits für „Der W“ umgebaut, als ich die Arena betrat. Schade eigentlich, aber vielleicht ergibt sich noch mal die Gelegenheit, Black Stone Cherry live zu erleben. „Waren ganz nett die vier Jungs“ meinte ein 2m Fels mit „Hells Angels“ Aufnäher auf dem Rücken am Bierstand, als ich ihn auf den Auftritt ansprach. Es sollte der Abend der lustigen Aufschriften werden, wie ich mein erstes Bier trinkend, feststellte.

Der W war bereits auf der Bühne, konnte bei mir aber nicht wirklich punkten. Zu sauber? Zu synthetisch? Zu flach? Vorbelastet? Leider kann ich nicht beurteilen, ob die Reihenfolge der Vorbands ideal war. Aber so hatte ich noch etwas Zeit, die T-Shirt Tags zu lesen. Neben den typischen Band Logos blieben mir Sprüche wie „ein Volk, ein Reich, ein Lemmy“, „Jungs für’s Grobe“ und „Motörmum“ im Gedächtnis. Auf den ersten Blick lag dannauch ein Hauch von „Don’t fuck with me!“ in der Luft. Schwere Bikerjacken, bloßgelegte Oberarme, die locker den Umfang meiner Oberschenkel hatten, fiese und Angst einflößende Bartkreationen an kahlen Köpfen, schulterlange  Haare über teutonischen Tattoos und Bräute, mit denen man lieber kein Armdrücken macht. Aber aus meiner Erfahrung täuscht das Image, denn je „härter“ die Jungs und Mädels, umso friedlicher die Veranstaltung. Meistens jedenfalls! Der W hatte es dann geschafft, die Onkelz Fans waren zufrieden und für mich war die Zeit gekommen, etwas näher an die Bühne zu gehen.

Der „Snaggletooth“, Motörheads Maskottchen einst von Joe Petagno und Lemmy entworfen, grinst feist von der Bühne und wird von den englischen Lions, den schwedischen Tre Kronor und dem walisischen Dragon umrahmt, welche die Herkunft der aktuellen Besetzung symbolisieren. Lemmy, der  1945 als Ian Kilmister in Stoke-on-Trent, England als Sohn eines Pfarrers geboren wurde und 1975 mit Larry Wallis und Lucas Fox Motörhead gründete. Mikkey Dee, der 1963 als Michael Delaouglou in Göteborg geboren wurde und seit 1982 bei Motörhead das Schlagzeug übernommen hat und Phil Campbell, der 1961 im walisischen Pontybridd geboren wurde und seit 1983 die Gitarre bei Motörhead zupft.

Dann ist es auch schon soweit. Lemmy steht am Mikrofon und begrüsst Berlin mit der traditionellen Ansage: „We are Motörhead…“ und die Fangemeinde vollendet „… and we play Rock’n’Roll!“ Und schon bricht es schnörkellos über uns ein – die geballte Kraft von drei Instrumenten tausendfach verstärkt und begleitet von einem Gesang so tief und belegt wie der Boden eines alten Whiskeyfasses. Wellen Pogo tanzender Hardcorefans schwappen von der Bühne in das Innere der Halle und es kostet Kraft, sich auf den Beinen zu halten. Dabei fällt mir auf, dass auch viele eher zarte weibliche  Fans von der Musik wie in Trance geraten und ohne Rücksicht auf Verluste losrocken. Fotos werde ich wohl heute nicht schiessen können.

Auch wenn Lemmy&Co das 2008 erschienene „Motörizer“ Album auf die Straße bringen, was sie bereits seit vergangenen Herbst on Tour tun, dürfen Stücke wie „Metropolis“, „In the Name of  the Tragedy“ oder „Iron Fist“ nicht fehlen. Bei jedem Solo quält „Wizzo“ sein Instrument über die gesamte Länge des Gitarrenhalses ohne dabei schwammig rüberzukommen, wie es manchmal bei Mick „Würzel“ Burston der Fall war. Und da war wieder einer dieser niedlichen Schriftzüge. Nachdem Phil Campbell seine Gitarre wechselt, prangt auf seinem neuen Gitarrengurt in fetten Lettern „Welsh Wanker“.  Wer sonst, wenn nicht er selbst, kann  das von ihm behaupten. An seinem Instrument überzeugt er 100%ig.

Aber das Highlight ist Mickey Dee. Nicht nur, dass er Motörhead den richtig brutalen Vortrieb mit dem Doublebass gibt, zeigt er nach dem ersten Drittel des Konzerts, dass man ihn locker in die Liga der besten Schlagzeuger einordnen kann. Was er da auf den Fellen für ein zweiminütiges Dauerbombardement auf das Publikum niederprasseln lässt, erinnert mich in Intensität und Brillanz  an Led Zeppelins John Bonham. Percussion vom Feinsten! Und so legen Motörhead immer wieder scharf nach, lassen einfach keine Feuerpause zu, bis sie den „Bomber“ besteigen und die Bühne verlassen.

Es ist nur eine kurze Verschnaufpause. Ich habe leichtes Sausen im linken Ohr. Man sollte sich wohl doch immer mittig vor die Bühne stellen! Unter meinem Stiefel hat sich ein „abgerockter“ Patronengurt geschmuggelt, der hoffentlich nicht den langen Weg aus Afghanistan in die Arena gefunden hat. Es reicht für eine Zigarette, während einige Erschöpfte den Platz mit noch fitten Fans wechseln, die weiter vorn die Chance für ein Foto wittern. Einzig nervig bis dahin fand ich die ständig über die Bühne flitzendenden Roadies, die die leeren Bierbecher, die aus der Zuschauermenge auf die Bühne geworfen wurden, aus Sicherheitsgründen wegsammeln mussten. Gehört wohl dazu? Ich find’s affig. Dann bietet Lemmy & Co schon ein volles Bier an!

Dann kommen Mickey und Phil mit Akustikgitarren auf die Bühne und Lemmy stellt sich mit einer Mundharmonika bewaffnet ans Mikro. Wir können auch anders -und so gibt es den „Whorehouse Blues“ in der Akustikversion. Spätestens hier strafen die drei alle die Lügen, die behaupten, dass Motörhead lediglich auf ihren Instrumenten rumschrummeln und Krach machen.  Und wer Lemmy bei seinen Ansagen folgen kann, weiss dass es ihm auch inhaltlich um eine Message geht. Das war es dann aber auch schon mit der Pause. Es wird noch mal richtig laut. „Ace of Spades“ lässt die Halle noch mal richtig toben und eine scheinbar Endlosvariante von „Overkill“ lässt den Abend akustisch und visuell an die Grenzen gehend ausklingen. Ich habe überlebt!

Mein Fazit: Motörhead waren,  sind und bleiben Kult! Lemmy? – da muss man nicht viel Worte verlieren – es gibt nur einen Ian “Lemmy“ Kilmister, eine lebende Legende! Motörhead waren vielleicht nie die kommerziellen Überflieger, ihre Alben manchmal sparsam abgemischt, aber auf der Bühne sind sie „The Hammer“ und jeden €uro wert!

Beim anschließenden Billard um die Ecke melden sich dann die Ohren. Das Aufeinandertreffen der Kugeln beim Anstoß nehme ich akustisch nicht mehr wahr. Die Gespräche der anderen Gäste klingen etwas schwammig. Wird wohl noch etwas dauern, bis sich das Trommelfell beruhigt hat. But it was worth it!

Wielange hatte ich mich gesperrt? AC/DC ohne Bon Scott wollte ich nie live sehen. Später, als sich das relativierte, fehlte das Geld, die Zeit oder unsere Wege wollten sich einfach nicht kreuzen. Ich war gerade fünf als die Young Brüder ihre neue Band zusammenstellten und mit acht hörte ich meinen ersten AC/DC Song. “High Voltage” elektrisierte mich mein ganzen Leben, auch wenn es Spannungsschwankungen gab. Anfang der 80er Jahre erschien “Highway to Hell” bei Amiga und  DT64 (der DDR Jugendsender) begann, jeden Samstag eine LP Seite der bis dahin veröffentlichten Alben vollständig und ohne Moderatorengequatsche über ihre Radiofrequenz laufen zu lassen. Der Zeigefinger zitterte jeden Samstag über der Aufnahmetaste meines Kassettenrekorders. Ob das noch ein juristisches Nachspiel wegen der Rechte hat? Es dauerte gefühlte 20 Wochen, dann hatte ich sie alle auf hauchdünnes braunes Band gepresst! Was gab es für Diskussionen, wenn da ein Familienausflug geplant war und was war das für ein Druckmittel wenn es in der Schule nicht so lief, wie es meine Eltern wollten. Aber AC/DC war Kult in unserer Klasse und so organisierte man sich, tauschte sich die ORWO Bänder zum Überspielen aus, litt wenn es “Bandsalat” gab, übte vorm Spiegel mit der Airgitarre Angus’ Bühnenshow und nervte die Nachbarn mit lautem Zündstoff wie “T.N.T.”. Natürlich wurden die Ärmel aus der Jeansjacke getrennt und das Bandlogo mit dem Rest der guten Goldfarbe, die mein Opa aus dem Westen für die Kosmetik seines Wetterhahns mitgebracht hatte, auf den Rücken gemalt. Bravo Poster mit dem Konterfei der Band wechselten für hart gespartes Taschengeld die Besitzer, um die Wände der Kinderzimmer damit zu tapizieren und ein Hauch von Hardrock zu erzeugen. Besonders cool war, wer seine Joppe mit AC/DC Ansteckern pimpen konnte und natürlich heimlich eine Fluppe im Mundwinkel trug. Zu dieser Zeit mussten meine Eltern Zähne knirschend einsehen, dass ich wirklich nicht mehr zur Orchesterprobe mit meiner Mandoline gehen konnte. Imagerettung wäre eine Gitarre gewesen, aber die waren schon alles besetzt.

Wir kannten jede Platte mit der genauen Titelfolge, dem Erscheinungsdatum und -ort. Warum wurde so etwas nie im Musikunterricht abgefragt? Auch wenn es Meinungsverschiedenheiten gab, welcher nun der beste Song sei, wir waren uns einig – AC/DC war die beste Band der Welt. Natürlich war unsere Welt damals noch sehr klein und Angus & Co. mussten sich später gegen andere Bands und Musikrichtungen behaupten. Sie bestanden und 33 Jahre nach meinem ersten AC/DC Ohrwurm sollte es das letzte Deutschlandkonzert ihrer zweijährigen Welttour in Berlin sein, um die Jungs mal live zu erleben. Ein Fehler? 70.000 Fans im ausverkauften Olympiastadion können nicht irren! Natürlich war ich aufgeregt wie ein kleiner Bengel, der sein erstes BMX Bike bekommt.

Schon auf den Zufahrtsstraßen dröhnt ein Mix von AC/DC Songs aus den im Stau steckenden Autos. Jeans- und Lederjacken mit gehörnten Angusbildern und AC/DC Schriftzügen ziehen gemächlich in Richtung Olympiastadion. Am Einlass schiebt sich vor mir ein 1,90m Mann an der Security vorbei, der auf seiner Weste scheinbar die Souvenirsticker der AC/DC Konzerte der letzten dreißig Jahre fein geordnet aufgenäht hat. Plötzlich komme ich mir vor wie ein Greenhorn in Sachen AC/DC. Die Merchandise Stände im Innern sind gut belagert und hier fällt auf, dass diese Band nicht nur eine lange Geschichte hat, sondern auch über die Generationen begeistert. “Cool Mum! Danke.” verrät eine Rock-Mutti, die ihrer etwa 18 jährigen Tochter das Tour Shirt kauft. Sie hätten auch als Schwestern durchgehen können. Ein gut gelauntes Pärchen mit grauen Strähnchen in Zopf undBart und mit AC/DC-Liter-Bierbechern probiert schonmal die batteriebetriebenen Teufelshörner aus und ein gerademal hüfthoher blonder Sechstklässler wartet ungeduldig in der DIXIE-Schlange, während einige Männer mit Pionierblase es nicht mehr aushalten und sich unter den Blicken verständnisloser Mädels zwischen den Plastekabinen entleeren.  Ob das der richtige Dünger für den Olympiarasen ist? Hertha mag es herausfinden, falls sie nach dem Abstieg noch hier spielen dürfen.

Die Wolken über Berlin machen den Weg für einen blauen Konzerthimmel frei und so wartet man gemütlich bei Bier und Brezeln auf die Vorbands. Es wird gefachsimpelt denn man hat ja ein Thema das verbindet. Mit leuchtenden Augen erzählt man von Konzerterlebnissen,schwärmt von Plattensammlungen und präsentiert stolz die Erinnerungstattoos. BOON aus Berlin legen bereits vor. Zugegeben, mich und viele um mich herum bewegen sie nicht zum Aufstehen. Die Intros kommen zwar brachial rüber und laden zum Mitwippen ein, aber dann verkümmert die Mugge zwischen dünnem Gesang und schlecht abgemischtem Sound. Es muss aber auch etwas vom Vorspiel im leeren Konzertsaal haben, da sich das weite Oval nur träge füllt. VOLBEAT übernehmen nach kurzer Umbaupause. Die vier Dänen, die mich auf CD nicht richtig überzeugten, dafür aber bei den Mitschnitten vom Nürburgring sind eigentlich eine Liveband. Hier spürt man den Spass am Musizieren auf der großen Bühne. Die Mischung aus Heavy Metal, Rockabilly und Spasspunk lässt die Kniescheiben vibrieren und die Nackenmuskeln kontrahieren. Der Funke zwischen Band und Publikum springt schnell über. Sänger Michael Poulsens Verehrung für den King of Rock hat sich neben einem Tattoo auf dem Arm auch auf seinen Stimmbändern breit gemacht. Dazu der rollende Gitarrensound und spätestens bei “Pool of booze booze booza” weiß man, warum man hergekommen ist – 100 % Rock! Gegen 20:45 Uhr scheint auch der letzte verkaufte Platz belegt zu sein. Blinkende Teufelshörner und La Ola Wellen stimmen ein, worauf die 70.000 Fans seit dem Nachmittag gewartet haben… den Rock’n'Roll Train der Extraklasse. Punkt 21:00 Uhr überrollt er dann mittels Leinwandcomicfilm das Publikum im Innenraum.

Die Fahrt scheint in Vollspeed durch die Hölle zu gehen. Zwei dralle Schönheiten durchlaufen die Wagons während Angus den Kessel ordentlich einheizt bis die Tachonadel am Anschlag zittert. Und passend dazu “Hell ain’t a bad place to be”. Der 63 jährige Brian Johnson macht klar, wohin die Fahrt gehen soll. Breitbeinig mit ärmellosem Hemd verkündet er: “It’s good to be back! Heute ist Party, und die beginnt genau jetzt!” Auch wenn ich einen Platz nicht weit von ihm und seinen Bandkollegen ergattert habe, scheint die Riesenbühne AC/DC zu verschlucken. Es ist eine Show der Superlative. Man bringt alles auf die Bühne, was sich über die Jahre ansammelte, ohne dass es Staub angesetzt hat. Da ist die Glocke von “Hells Bells”, die Kanonen von “For those about to Rock-we salute you!”, die aufblasbare Rieselola von “Whole lotta Rosie”, die zwei Anguskappen mit den leuchtenden Hörner als “Regenschutz” für die Lautsprechertürme und natürlich der überdimensionale “Rock’nRoll Train”, der von neun unsichtbaren Roadies passend zu “Runaway Train” krieschend auf der Bühne zum Halten gebracht wird und der später von Lola zum “Bullriding” misbraucht wird. Es brauchte 31 Trucks, 60 Tourtechniker und 120 Bühnenarbeiter, um diese Show ins Rollen zu bekommen. Das Kontrastprogramm liefern die Musiker selbst. Einfacher, schnörkelloser und perfekt gespielter Hardrock. Alles ist auf das Wesentliche reduziert. Schlagzeuger Phil Rud, der ketterauchend den Takt vorgibt, Malcolm Young an der Rhythmusgitarre und Bassist Cliff Williams bleiben im Hintergrund und bilden die musikalische Basis. Daran hat sich seit den Anfängen von AC/DC nichts geändert. Brian Johnson, den wohl keiner der AC/DC Fans mehr als Nachfolger für Bon Scott in Frage stellt und Angus Young als der brilliante “Bad Boy” an der Gibson ziehen die Blicke der 70.000 auf sich und treiben die Show voran. Auf den “billigen” Sitzplätzen kann man über Leinwände erahnen, was für ein Rock-Feuerwerk auf und um die Bühne abgebrannt wird.

Es ist wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Auch wenn Bon Scott vor genau 30 Jahren auf tragische Weise verstarb, scheinen AC/DC für zwei Stunden seinen Geist zum Leben zu erwecken. Geschickt werden Songs der letzten Platte unter die alten Lieder gemischt, was kaum auffällt, denn wer AC/DC kennt und mag, erwartet auch keine großen musikalischen Veränderungen. Die fünf Musiker  sind da eher konservativ. Warum experimentieren, wenn man mit dem gewohnten Stil erfolgreich war und ist? Und die Fans danken es ihnen. Mehr als 200 Millionen Alben verkaufte man weltweit, mit “Back in Black” haben sie die wahrscheinlich weltweit zweitbest verkaufte Platte der Geschichte eingespielt und als Rockband ist ihnen ein Platz unter den TOP 10 sicher. Langsam wird es dunkel in Berlin und die tausenden rot blinkenden Hörner sorgen bei “Highway to Hell” für die entsprechende Kulisse. Die Stimmung ist grandios. Wer sich über den verwischten Sound im Stadion beschwert, sollte sich klarmachen, hier spielen AC/DC und nicht Jean Michel Jarre. It’s rock. It’s loud. It’s good. Die Fans singen die Refrains mit, Angus rockt seine Kilometer auf dem ins Stadioninnere gezogenen Laufsteg ab und Brian scheint etwas irritiert, als ihm aus dem Publikum ein BH entgegenfliegt. Als dann die Kamera noch einige Mädels einfängt, die sich auf den Leinwänden entdecken und die Stimmung noch mehr anheizen, indem sie ihre Tops für alle sichtbar lüften, grinst auch Brian und bemerkt etwas schüchtern, dass er dafür wohl zu alt sei.

Ja, sie sind in die Jahre gekommen, aber deshalb nicht schlechter geworden. Angus legt nicht mehr bei jedem Song ein mehrminütiges Solo hin oder steigt auf Brians Schulter. Dafür braucht er aber auch keine Sauerstoffmaske wie früher, um die Intensität der Show durchzuhalten. Ihm reichen zwei knapp 10 minütige Soli um der Welt zu zeigen, dass er immer noch ein Gitarrengott ist, der die Saiten seiner Gibson zu spüren scheint, wie die Sehnen seines 1,57 “großen” Körpers, wenn sie wie verschmolzen über die Bühne jagen. Eins tut er seinen Fans allerdings nicht mehr an. Mit nun mehr 55 Jahren zieht er bei “The Jack” nicht mehr “blank”… ein Blick auf das Bandlogo auf den Boxershorts muss reichen und sorgt immer noch für tosende Begeisterung. Kritiker unterstellen AC/DC immer noch eine infantile Naivität. Zugegeben, ihre Texte strotzen nicht von tiefgreifenden Philosophien. Im Vergleich zu vielen anderen Bands ihres Schlages scheinen sie über Hölle, Teufel und das Sex, Drugs und Rock’n'Roll Image eher zu witzeln. Aber schaffen es die Australier nicht gerade durch ihre Ursprünglichkeit, dass man sich an alte Zeiten erinnert, ein kleiner “Piepel” sein darf und die totale Ernsthaftigkeit des Alltags hinter sich lässt?! Nach zwei Stunden phongetriebener Energie geht es in die Verlängerung. Mit “Let there be Rock” wird der Weg in die hoffentlich noch schaffensreiche Zukunft von AC/DC eingeleitet und mit Salutschüssen werden alle die Fans, die auf Rock stehen, standesgemäß verabschiedet. Ein “kleines” Feuerwerk für den nächtlichen Himmel über Berlin ist bei einem Produktionsaufwandwand von 4.5 Million Dollar auch noch drin, bevor sich glückliche Fans langsam auf den Nachhauseweg machen. Die meisten wird man wohl beim nächsten AC/DC Konzert wiedertreffen. Fazit: Eine gigantische Show, die jeden Cent wert war. An manchen Stellen hätte es ruhig noch etwas lauter sein können. High Voltage for ever!


2 Antworten zu „music“


  1. 1 inanett
    November 8, 2008 um 11:42 vormittags

    als ich noch mal!!!
    wenn Robinson Club erwähnt wird, ist es meine Pflicht mich zu äußern. ;-)
    aber nicht zu diesem Mitarbeiterunfreundlichen Verein, sondern zum 2mal live miterlebten Tool-Konzert.
    Erstes Mal in Berlin und 2.mal in Leipzig!!!
    Genial, Unvergesslich, weil seit ich in Berlin ca. 5 meter vor der bühne stand, etwas schwerhörig. Leider, aber es war`wert1
    so blöd es auch klingen mag.

    Hab auf arbeit Langeweile, deine Seite vertreibt diese mir…

    Tschaui…………

  2. Mai 2, 2010 um 9:24 nachmittags

    Erstmal danke für den netten Kommentar zu meinen Bildern.
    Und jetzt zur Musik. Also, wenn ich nicht ständig Geld und Zeitmangel hätte, würde ich auf jeden Fall auch öfter auf Konzerte gehen, kann ich aber nicht. Besonders auf Enter Shikari-Konzert wäre ich gern mitgekommen. Egal, irgendwann ist meine Schulzeit vorbei und dann hole ich das alles nach^^.

    Nun gut, hauste rein. k.Möller


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