Von biggipfel


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Ein Berliner Osterspaziergang

Kaum hat es die Sonne geschafft durch die grauen Frühlingswolken zu brechen, sprudelt Leben in die ohnehin schon hektische Hauptstadt. Jetzt heißt es wieder zeigen, was man über die raue Jahreszeit verbergen musste. Mit breitem Lächeln kann man der Welt beim Joggen mit dem Zwillingswagen zeigen, wie gut es einem doch am Osterwochenende geht, wenn der Rest der südländischen Rucksacktouristen die Feiertage in der schwäbischen Heimat verbringt. Endlich hat man nach bereits zwölf Minuten einen Parkplatz gefunden und braucht die Außenspiegel nicht einzuklappen, für den Fall, dass ein alter Benz mit Böblinger Nummernschild die Parklücke mit der sonst so gewohnten Scheunentür verwechselt. Es ist einfach erfrischend mit seinem Hund durch die Friedrichshaine zu wandeln und den MIB bei der morgendlichen Tai Chi Übung zuzusehen. Unspektakulär das Farbenspiel ihrer Kleidung, synchron ihre Bewegungen, wichtig ihre Mimik und geschlossen ihr Abgang. Mit einem Blaufilter könnte man sich lauter kleine Maos vorstellen, die in Zeitlupe über das Tibetproblem philosophieren. Aber der Berliner verbündet sich mit dem Bergvolk durch stillen aber bestimmten Protest. Tibetwimpel an Fahrrädern, Tibetfähnchen an Balkonbrüstungen und Schlafzimmerfenstern und natürlich Schnellaufkleber an den Laternenpfählen.

Ja, wir sind eine Weltstadt und nehmen Teil an der globalen Berg- und Talfahrt. Wir versuchen der kleinen Vietnamesin im Eckladen ein Lächeln mit der Frage nach dem Preis für ein paar Sonnenstrahlen zu entlocken und erhalten den gefrierlächelnden Hinweis, dass noch 25 Cent für die Dose Hundefutter fehlen. Warum sind es immer die Zahlen, die man in einer Fremdsprache als erstes lernt, bevor einen die Grammatik zum Bau eines Satzes in den Wahnsinn treibt? Genau so ergeht es allabendlich dem studentischen Kassierer an der Kasse des “Bötzow-Cinemas“, wenn er von höheren Semestern prädikat-amputierte Bestellungen wie: „Ein Becks, ne Cola, ‘n mittleres Popcorn bitte.“ entgegennehmen muss. Mit wichtig runzelnder Stirn unterstreicht er seine Bestürzung und fordert hochdeutsch zur Ganzsatzbestellung auf, da er sonst wirklich keine Schwingungen empfangen könne. Nein, ein höfliches “Bitte“ an das Satzende geklemmt reicht nicht aus in einer intellektuell – zivilisierten Stadt wie Berlin.

Wie tief man mit der dieser Stadt, seinem Kiez, seiner Szene wirklich verwurzelt ist, widerspiegelt heute nicht mehr der gute alte Zilledialekt, sondern die Biermarke, die man ab spätestens 15:30 Uhr ganz gesellschaftsfähig locker zwischen Zeige- und Mittelfinger tragend Mitpassanten präsentiert. Jever für die nordisch Herben, Tannenzäpfl für die südlich Orthodoxen, Becks für die bereits halbwegs Integrierten, Sól für die Multi-Kultis, Staropramen für ehemalige Teilnehmer des Prager Frühlings im U Flekú und Berliner Kindl für Besucher aus Hellersdorf/Marzahn. Wer an der Supermarktkasse Pech mit seiner ID hatte, poliert sein Image mit dem “Eierschalensound” seines Walkman Handys auf, das lässig an der Red Bull Strippe baumelt und aller Welt demonstriert, wie wenig wir den Aggro Rap aus den Außenbezirken brauchen.

Aggressiv werden nur die Hundebesitzer, die mindestens einmal pro Monat ihre Lieblinge in die Tierarztpraxis bringen müssen, weil ihnen Bierflaschenscherben die Pfoten aufgeschnitten haben. Aber was ist das schon gegen die ruinierten 139,- € teuren Lauf-Nikes die sich Tag für Tag energisch ihren Weg durch den Stadtpark bahnen und es nicht immer schaffen, den vergessenen und übel riechenden Brownies auszuweichen. Halbtagsmütter haben zumindest das Glück, ab 09:30 Uhr ihren Frust darüber im Eck-Steh-Café abzulassen und weiche Knie zu bekommen, wenn einer der ganz wichtigen deutschen VIP’s auf einen “Coffe to Go“ reinschneit. Und wenn nicht, ist es auch nicht weiter schlimm, denn irgendwie ist man ja Teil dieser ganz wichtigen Szene, was durch dieses permanente “Mir geht’s so gut“ – Lächeln manifestiert werden muss, als hätte ihnen der münchner Botoxpsychologe der Familie die Mundwinkel beidseitig an die Ohrläppchen getackert.

Die etwas ökologischere Yuppie-Variante hingegen parkt die Kombi E-Klasse um die Ecke, geht in der LPG einkaufen und holt anschließend harmonisch lächelnd die Kinder bei Waldorfs ab, um bei D&G die neue Kids Collection abzuchecken. Die ganz kreativen Denker und Künstler besetzen bereits die Außenterrassen der Kollwitz Cafés. Sie lesen Kafka oder Böll schon um halb zehn oder scannen parallel durch TAZ und Süddeutsche bei den elegant gekleideten Hauptstadtbesuchern am Nebentisch. Die Rastalocken flüchtig zusammengebunden steht eine etwa 50 jährige Mutter mit Känguru-Beutel-Kind an der Safttheke. Den frischgepressten Litschi-Mango-Saft genießend, erklärt sie der noch nicht ganz wachen Bedienung ihre spacigen Designs für ein neues Kitaprojekt und streift sich dabei im 10 Sekundentakt mit den noch Farbrestsommersprossen übersähten Händen über Stirn und gepiercte Nasenflügel.

Gelegentlich macht man sich, für alle sichtbar, Notizen und Schnellskizzen auf recyceltem Papier in abgegriffene “Dritte Welt” – Heftchen und grüßt relaxed die Bretzelverkäufer, die nach einer langen Clubnacht auf dem Nachhauseweg oder zum Pflichtbesuch bei den Agenten für Arbeit sind. Man kennt sich, man sieht sich, man liebt sich, man ignoriert sich… .

Egal, wie schräg du in dieser Stadt bist, hier versucht jeder schräger zu sein…eben “be“? Soll vielleicht heißen “besonders extravagant“, “bloß einsam“ oder “bombastisch extrem“. Man wird sich schon etwas dabei gedacht haben, diesen kunterbunten Haufen dazu aufzufordern, einfach nur zu “sein“…aber wennschon, dann “ Be Berlin!“.

Dann ist Ostern auch schon wieder vorbei, der nette Großstadtranger aus Hamburg, der endlich sein B-Kennzeichen nebst Umweltplakette an seinen Hummer montieren lassen hat, belegt heute wieder meine Parknische + Radweg, die schwäbischen Esoteriker haben ihre Apfellogo Laptops im Paterreschaufenster ihres Projektbüros hochgefahren, machen bereits Brainstorming mit anschließendem Troubleshooting, um den Workflow bei einer gemeinsamen Bionade voranzutreiben und die Halbmarathonmütter schlürfen easter-news-flashend ihren Cappuccino mit Mineralwasser. Ich genehmige mir ein Tannenzäpfl, das mir meine Obermieterin aus der Heimat mitgebracht hat. Cheers and just be Berlin!

Ein Debüt mit eisernen Gummibärchen

„Dit dürfste eigentlich nich, wa. Nach Anpfiff nochma raus, um dir `n Bier zu holen“ raunt mir ein bärtiger Mann um die 60 mit Hornbrille bestimmt ins Ohr, als ich mich an ihm vorbeidrängeln will. Natürlich hatte er Recht. Aber sollte ich während der Enke-Gedenkminute gehen?! Jetzt waren die Schlangen überschaubar und die jungen Aushilfskräfte weniger überfordert. Fängt ja gut an mein erster Besuch in der Alten Försterei nach fast 29 Jahren. Damals hatte mich unsere Nachbarin, die irgendwie beim 1.FC Union arbeitete zum Probetraining mitgenommen. War nicht doll! „… zu kleen, zu schwach, zu lahm. Mach ma weiter in deine Strassenmannschaft. Iss ma anständig bei Muddern und komm in zwee Jahre nochmal vorbei, wa.“ meinte der Trainer, der die Union Youngsters betreute. Eben nich – war nicht schlimm, denn eigentlich war ich ja Magdeburg Fan. Als Berliner?! Naja, zu meinem ersten Spiel in ein Stadion (1979 das Pokalspiel 1.FC Magdeburg – BFC Dynamo 1:0)nahm mich mein Vater mit. Der war gebürtiger Magdeburger und hatte mich mit dem blau/weissen Virus infiziert. Der BFC war ja nun wirklich keine Alternative! Und Union? Das war wohl eher so ein Köpenick Ding und Köpenick war von meiner damaligen kleinen Welt in Lichtenberg weit entfernt. Außerdem sah man Union eher selten bei Oberligaspiel-Übertragungen bei Sport Aktuell am Samstag Abend. Sorry!

Meine Eltern fanden es wohl auch gut so, denn so oft spielte der 1.FC Magdeburg nicht in Berlin und so brauchten sie keine Angst haben, dass ich zum aktiven Fussballfan mutieren und im schlimmsten Fall einer dieser damals verrufenen Rowdies vom 1.FC Union werden würde. Mit Fussball im Verein war dann auch nichts mehr… meine Eltern fanden es besser mich zweimal die Woche ins Volksinstrumentenorchester im Pionierhaus zu schicken. Was ich knapp drei Jahredurchhielt. Gekickt wurde in der Schule und hinterm Haus. Kurioser Weise teilte sich aber unsere Klasse in Magdeburg und Dresden Sympathisanten. Jedesmal, wenn mein Vater die Großeltern in Magdeburg besuchte und den Anlass mit einem Besuch im Ernst-Grube Stadion verband, musste er FCM Aufnäher mitbringen, die wir uns dann auf unsere blau-weissen Trikots aus dem Haus für Sport und Freizeit in der Frankfurter Allee besorgt hatten. Jeder bekam seine Rückennummer aufgebügelt. Haasi war Pommerenke (7), Norbi  Hoffmann (11) und icke natürlich Achim Streich (9). So stellten wir unsere eigenen Pokalspiele auf dem Schulschotterplatz nach und lernten nähen und bügeln.

Die Zeiten ändern sich. Der 1.FC Magdeburg strampelt sich ab, den alten Glanz wieder zu erlangen. Mein Vater ist tot. Ich habe die letzten 20 Jahre in MV gelebt und mit Hansa und Energie in der Bundesliga sympathisiert, während Hertha irgendwie die Bundesligaverbindung nach Berlin war.  Nähen und Bügeln verlernt man nicht mehr. Dann der Aufstieg von Union in die 2.Liga! Und ich wieder zurück in der Heimat. Da darf man doch darüber nachdenken,  wo man in Zukunft ins Stadion geht. Was Hertha betrifft, so gehöre ich noch zu der Generation, der die alte Dame siegen sehen hat, aber rein emotional liegt die Alte Försterei näher als das Olympia Stadion.

„Und, jut jewordn det neue Stadion. Fetzt jetzt richtig mit de Stimmung und so, wa. War och ne schweinemäßige Klotzerei. Aber hat sich jelohnt, sag ick mal.“ meint der 60 jährige in der Halbzeitpause, den Bart unter dem selbstgestrickten rot-weiss geringelten Schal von 1963 versteckt. „Für mich jibt et nischt anderet . Is meene Mannschaft, schon imma – och in de harten Zeiten.“ Heute sieht es wieder nach harter Zeit aus. Halbzeit und der 1.FC Kaiserslautern führt 1:0. Dabei fingen die rot-weissen spritzig an und hatten ihre Chancen. Aber nach etwa 25 Minuten witterten die Lauterer, dass hier mehr drin war, wurden mutiger und die Eisernen mutierten zu Gummibärchen. Immer einen Schritt zu langsam an den Gegnern, in den Zweikämpfen zu weich und ungenau bei Flanken und Freistößen.

„ Jeht ja wohl janich!…“ meint eine junge Frau (Studentin?) im Union Shirt „…da kommt och nüscht über die rechte Seite. Uffstieg kannste so vergessen. Ejal, dat wa soweit gekommen sind is schon Klasse!“ sagt’s und muss mit ansehen, wie Kaiserslautern die Berliner nach einem Fehlpass eiskalt auskontert und das 2:0 macht. Nach kurzer Sprachlosigkeit und siegessicheren Jubelgesängen aus der Lauternkurve schwappen schon die Gesänge aus dem Unionblock rüber und auch im R-Block fällt man in das „Eisern… UNION!“ ein. Die Stimmung ist trotz der nahenden Pleite gut. Man sieht ein, dass der 1.FC Kaiserslautern einfach besser war, heute(!). Auch nach dem Abpfiff bleibt man noch etwas stehen und zollt seiner Mannschaft Respekt. Vergessen die Buh-Rufe und verärgerten Zwischenrufe. Zum letzten Mal an diesem Abend singt man mit Nina Hagen die Union Hymne.

„Und, kommste nächste mal wieder?“ fragt mich die Frau des älteren Herren. „Klar, wenn ick noch Tickets kriege. War ja heut och wieda vollet Haus mit 19.000 und so einfach isset ja nich kurzfristig an Karten zu kommen.“ Da lacht die Studentin(?): „Tja, `n echter Fan hat ne Saisonkarte! Volle Bude is doch jut!“

Auf dem Weg zu meinem Auto drückt man mir noch einen Flyer in die Hand: „Und niemals vergessen – Eisern Union“ das Stück zum Spiel von Jörg Steinberg. “Ein MUST für jeden Union Fan” sagt man mir. Gut; denke ich; da weiß ich ja, was ich in der ersten Dezemberwoche mache. Denn wenn ich wiederkomme, und das werde ich bestimmt, brauch ich ja etwas Hintergrundwissen. Trotz der Debüt-Niederlage war es ein warmer Empfang in der Alten Försterei nach fast 29 Jahren. Bis bald und EISERN UNION!

GEZ noch – Geht doch!?!

Natürlich! …wieso war ich davon ausgegangen, dass man mir meine nikotinfreie Zeit erleichtern wolle. Wahrscheinlich hatten sie sich für die einzige Raucherkneipe im Umkreis von 150km entschieden. Dabei hatte ich schon seit  durchquälten drei Wochen keinen Glimmstängel mehr zwischen den Lippen. Die Kassiererin im Kaiser’s fragte mich schon besorgt, wie es mir gehe, denn ich sei so gehetzt. Das bringt der Hardcore-Entzug wohl mit sich – innere Unruhe, Gehetztsein, Zitterattacken und imaginäres Zigarettenrollen.

Aber jetzt konnte ich nicht mehr zurück. Ich hatte den Laden bereits betreten, Ralle mich schon erspäht und laut ankündigend zum Tresen gewunken. „Na endlich! Haste wieder keene Uhr am Mann?!“ und schon klatschen drei Pranken gleichzeitig auf mein eher schmales Kreuz. „Man, ihr wisst doch, ick muss mit meinem Königstiger die Abendrunde machen.“ und bestelle mir erstmal eine Hopfenkaltschale vom Zapfhahn während mir der Tabakrauch in Dolby Surround ums Gesicht geblasen wird. Großartig, genau das habe ich gebraucht! Kameradenschweine!… denke ich und spüre das Kribbeln in den Fingern. Nein, ich werde mich nicht dazu Hinreißen lassen, um dann morgen mit einem toten Hamster unter der Zunge aufzuwachen.

„Gestern den Yuppie Bericht über unsern Kiez jesehn?“ fragt mich Tom und seine Stimme verrät, dass er auf ein analytisches Gespräch aus ist. „Nö, war im Kino“ lüge ich. Natürlich hatte ich die Reportage über den ’neuen’ Prenzlauer Berg bei RBB gesehen, musste aber irgendwann wegschalten, da mein Hals begann so dermaßen anzuschwellen, dass ich kaum noch nach Luft schnappen konnte. Wer wollte denn auch noch im Fernsehen sehen, was sich jeden Tag auf dem Weg zum Pakistani vor einem ausbreitete… Säuglingsyogadebattiersitins, Bioblumengebindeläden, Schwabenfrischbrotbäckereien, Juristennachwuchstaufen oder Birkenstockhausbesitzerlebensgemeinschaften. Aber ehrlich, das ist doch nicht wirklich unser Kiez. Wer hatte sich diese einseitige Berichterstattung einfallen lassen. Man hätte vermuten können, da hat jemand gesponsored, damit noch mehr junge, schöne und erfolgreiche Familien herziehen. Eben Fernsehen.

Das Thema Fernsehen brachte plötzlich eine Lawine ins Rollen. „Ihr glaubt ja nicht, wat ick gestern im Briefkasten hatte – Post von der GEZ!“ brach es aus Jockel heraus. „Ja und? Is normal, irgendwann kriegen die ein immer am Arsch. Prost!“ versuchte Ralle die Wogen des herannahenden Polit-Tsunamis zu glätten. Zu spät. Jockel war in seinem Element. Er war vor kurzem mit seiner neuen ‘Schnalle’ zusammengezogen und eigentlich hatten alle den Eindruck, dass er wesentlich geschmeidiger mit seiner Gefühlswelt umgeht, seit Ina ihm regelmäßig seinen “esotherischen Mittelpunkt“ ausbalanciert. „Die wollen doch ernsthaft, dass jeder von uns Gebühren für det flache Programm bezahlen soll. Sind nicht verheiratet meinen die, damit muss jeder selbst zahl’n.“ Tom unterbricht abrupt seinen Exkurs ins Bierglas. „Na wird och Zeit, dat ihr heiratet. Gibt es endlich mal wieder ne Hochzeit. Is och besser wegen de Steuern, kannste glauben.“ Jockel schnappt nach Luft, zieht kurz an seiner Selbstgedrehten und … natürlich bekomme ich die volle Breitseite in den linken Nasenflügel injiziert. „Darum jeht’s doch gar nicht. Geht ums Prinzip!“ Im Prinzip war damit der Monolog des Abends auf die Überholspur gewechselt und nahm uns detailliert das ausbeuterische GEZ Regime, gedeckt von der deutschen Regierung und der deutschen Justiz, auseinander.

Als Ina und Jockel noch getrennt lebten, hatten sie jeder ihren Fernseher aus Studentenzeiten, ihre in Zeitlupe Daten verarbeitenden PC’s, Ina ein Tchibo Küchenradio und Jockel seine HIFI-Anlage. Jetzt, wo sie sich mit Mitte 40, auf eine Restdeslebenslebenspartnerschaftsgemeinschaft auf ca. 90 Quadratmetern eingelassen hatten und an den Tausch von Ringen nie einen Gedanken verloren hatten, war die multimediale Technik auf eine effektivere Anzahl halbiert worden. Lediglich der Gebührenpreis war der gleiche geblieben. „Ja jetzt sagen die, dass man ja Autoradio und ’n Handy hat, womit de och öffentliches Radio empfangen kannst. Frag ich mich doch, ob die janzen Kids, die mit ihre Eierschalensound erzeugenden Minihandyghettoblastern durch die Gegend peesen, och Gebühren bezahlen?“

Ob es auch halbe Kids gibt denke ich, sage aber lieber nichts, denn Jockel steuert dem verbalen Siedepunkt entgegen. Björn hinter der Theke zapft wie Charly Chaplin einst am Fließband stehen ein Bier nach dem anderen. „Zur WM werde ick och wieder anmelden müssen. Aber dann is wieder jut besucht und det rechnet sich dann wieder.“ Jockel verdreht die Augen. „Is doch wat janz anderes – Gewerbe. Wir sind Single, ham Schweineabzüge inna Steuerklasse 1 oder so und sollen trotzdem wir allet nur einmal ham doppelt bezahl’n. Wissta, die unter uns haben drei Gören. Da steh’n vier Fernseher, drei LapTopse, zwei Autos und jeder von die Kids hat sein eigenes Handy. Zahl’n aber nur einfachen Tarif. Eigentlich müsste da doch jeder von Geburt an so’ne Art GEZ Kopfsteuer bezahlen und…“

Keiner hatte Tino bemerkt, der sich durch die Massen zum Tresen gekämpft hatte. „Eisern Union! Jungs, wat’n Trauerspiel 1:1 gegen Cottbus, obwohl wir det schon im Sack hatten. Hab euch Tickets mitgebracht für’s Union-Theaterstück von Steini. Könnt ihr mal Kultur mit eure Frauen machen. Vorher natürlich Alte Försterei – logisch! Kann ja so’ne Art Familienausflug werden.“ und lacht, dass man auch alle Goldinlays aufblitzen sieht. „Björn – wie immer! Danke“ brüllt er währen der rot-weisse Strickschal in der Lederjacke verschwindet, die ihren Platz auf meiner Lehne findet. „Sag mal…“ hebt Jockel erneut an „… wat zahlst’n du an die GEZ?“ Tino schaut etwas irritiert in die Runde „Wie seid ihr denn druff? Die ham sich bei mir noch nich jemeldet. Sind doch diese Gebührenfuzzis, die wie James Bond rumspionieren, wer allet nen fernseher hat, wa?“ kräuselt etwas schuldbewusst die Stirn, als erwarte er einen Tadel. „Na toll, aber für’s Kindergeld haste dich angemeldet. Gibt ja jetzt och ne Erhöhung wa?!“ Gefällt mir, denke ich ketzerisch… allgemeine GEZ-Kopfgeldsteuer für jeden, der in der Lage ist, ein Radio- oder Fernsehgerät einzuschalten. Da hätte der Staat doch die Kindergelderhöhung sofort wieder eingespielt und könnte was für die Kinder tun, indem er die Kohle ins Schulsystem pumpt.

Schnell verwerfe ich den Gedanken und  überlege, ob ich nicht den Kampf gegen den überfüllten Raum aufnehmen sollte, um mal bei der Tür mit dem Regenschirmmann vorbeizuschaun. Denn was jetzt kommt, endet bestimmt in einer Endlosschleife. Ganz unerwartet ergreift Tom das Wort. „Alter nun mach mal halblang! Kann doch keener wat dafür, das du kinderloser Single bist. Hat och keener behauptet, dat die Welt jerecht ist. Erstens: von det Kindergeld bleibt unterm Strich kaum wat über. Zweitens: die meisten Kids brennen ihr Mugge oder DVD’s aus’m Netz. Drittens: Die Youngsters glotzen doch eh bloß DSDS, Dschungelcamp und Simpsons uff de Privaten und  Viertens: Heirate doch einfach, melde den ganzen Medienmist ab, mach Hausmusik mit Ina und produziert viele Kinder! Allet klar Alter? Komm, schmeiß mal ’ne Lucky rüber!“ Mit aufgerissenen Augen und wie ferngesteuert bewegt Jockel die Schachtel Lucky Strikes auf Tom zu.

Nur den Bruchteil eines Wimpernschlags zögere ich, dann gehört sie mir. Aufgelöst fummel ich mir eine Fluppe aus der zerknautschten Schachtel, lasse Tinos Zippo aufflackern, ziehe tief durch und… geniesse. Erst beim Ausatmen erkenne ich die fassungslosen Augenpaare um mich herum. Plötzlich prasselt ein „GEZ noch?!“ auf mich nieder. „Ja, ick bin arbeitslos – ick brauch nich zahlen. Danke! War ne tolle Idee von euch, sich hier zu treffen. Übrigens das nächste Länderspiel geht auf mich. Könnt ihr mal sehen wat’n 52“ Plasma für’n Genuss für die Augen is.” -…verständnisloses Kopfschütteln -” Tino und Jockel sind mit Bier dran, Tom und Ralle bring Snacks mit. Und morgen zu Motörhead inne Arena, wa?” Alle nicken, immer noch etwas verwirrt. GEZ Problem gelöst, denke ich, nehme mir aber vor, zu recherchieren, ob ich überhaupt GEZ Gebühren bezahle, bestelle noch ein Bier bei Björn und schaue in die sich entspannende Runde. “Jutet Ding! Prost Jungs! Geht doch!“

Sugar and Cigarettes

Als ob das morgendliche „sich aus dem Bett wälzen“–Ritual nicht schon an die Grenzen des physisch Machbaren stößt, muss ich beim Blick in die Zuckerdose feststellen, dass mir der Zucker ausgegangen ist. „F***! Kaffe ohne Zucker geht doch gar nicht.“, denke ich und schlurfe zurück ins Bad. Beim Anblick meines ’Hüftfreundes’ fällt es mir wieder ein. Es muss gestern gegen 22:00 Uhr gewesen sein, als meine Obermieterin vor der Tür stand, und nachdem ich meinen Zähne fletschenden Hund weggesperrt hatte, konnte ich ihrem Anliegen mein volle Aufmerksamkeit schenken. Mit leichtem hessischen Dialekt fragte sie nach Zucker weil sie noch „Plätzle mache“ wolle. Für die Nichten, die am Wochenende anreisen werden – aus Wiesbaden. Natürlich! Nun gut, ich muss gestehen, bis auf den Dialekt ist sie eine definitive „lass uns doch mal auf ein Glas Rotwein treffen“ Frau. Und so ging sie dahin, die letzte Packung kristallinen Süßstoffs. Mit einer lasziven Augenzwinker-Fingerabroll-Kombination dankend, verschwand sie im Nebel der Treppenflurbeleuchtung.

„Schööönen Dank kleiner Freund!“ knurre ich mein Spiegelbild an und streife mir die Jeans über, leine meinen Hund an und begebe mich noch etwas duselig auf den Weg zum Kaiser’s. Einige verspätete Kids begleiten mich hektisch ein Stück zum Gymnasium um die Ecke. Wer kann um diese Zeit schon intellektuell arbeiten? Es war gerade 09:23 Uhr. Grauer Himmel über Berlin und Nieselregen sind eher kontraproduktive Eckdaten für den Prozess des Wachwerdens. Politisch korrekt entsorge ich die Hinterlassenschaften meines Hundes, liebevoll in ein schwarzes Ikea Hundebeutelchen eingetütet, im BSR Container. Geschafft. Einige Bauarbeiter machen bereits zweites Frühstück am Bäckerstand. Meinem Gehirn-GPS folgend schlendere ich durch die Reihen direkt an den Backwarenständer. An der Kasse gönne ich mir noch eine Tageszeitung und bezahle mein „Süßgold“ bei der ebenfalls noch nicht ganz fitten Auszubildenden.

Brötchen? Warum nicht. Und so werde ich Mitglied der Viermannschlange am Backstand. Doch bereits beim  Einordnen bereue ich meine Entscheidung. Das kann erfahrungsgemäß dauern. In filigraner Kleinarbeit tütet die Verkäuferin die gewünschten Waren ein und lässt sich die Artikelnummern von den Kunden aus der Vitrine vorlesen. Es gibt kein Weg zurück, denn hinter mir haben sich schon zwei Malergesellen eingereiht. Durchhalten und freundliche Miene machen. Gelangweilt schaue ich durch die großen Schaufenster, als plötzlich ein Polizei-Opel mitten auf der Straße zum Stehen kommt. Zwei Uniformierte springen heraus und stürzen auf einen Asiaten zu. Flucht aussichtslos. Einer greift ihn im Nacken, der andere schnappt sich seinen linken Arm und zieht ihn dem armen Kerl fast bis an die Ohren. Breitbeinig wird er an der Karosse der Staatsdiener, die jetzt die Zufahrtsstraßen versperrt, abgeklopft.

Hinter mir höre ich ein belustigtes „Wieder so ein Vietcong von der Zigaretten Mafia. Richtig so.“ Zustimmendes Nicken um mich herum. „ Jeden zweiten Tag die gleiche Vorstellung. Na mal sehen, ob die Bambusratte jetzt den Schnittlauch anknabbert. “ meint mein Vordermann, der wohl zur selben „Brigade“ gehört und für schallendes Gelächter im Laden sorgt. Da sind sie wieder, die dumpfen Nebenerscheinungen der freien Meinungsäußerung. Vietcong? Mafia? Polizeieinsätze? Wo bin ich hier nur hingezogen. „Wat soll’s bei ihm sein?“ werde ich aus meiner sicheren Beaobachtungssphase gerissen. „Äh, zwee Schrippen bitte!“ sage ich, bezahle, greife die Tüte und will nur noch nach Hause. Das ist einfach zu viel für morgendliche 54 Pulsschläge in der Minute.

Schnell binde ich meinen Hund los, während die Polizisten auf den Vietnamesen, der mit hängendem Kopf vor ihnen steht, einreden. „Ham wir det nicht schon mal jesacht. Wir wolln dich hier nich noch mal erwischen. It reicht jetzt! Hamma uns da verstanden?“ Aber wo sind denn die Zigaretten? Frage ich mich, als ich um die Ecke biege und auf unsere Freianlage zusteuere. Natürlich versperrt mir wieder ein Kleintransporter den Weg. Als ich mich an ihm vorbei gequetscht habe, werden die Ladetüren zugeschlagen und der Wagen fährt röhrend los. „Dieselschwein!“ denke ich und will mich gerade über zwei große blaue Plastiksäcke aufregen, die der Fahrer anscheinend absichtlich an der Hauswand vergessen hat. Wieder einer, der seinen Müll hier entsorgt. Mein Hund steuert geradewegs auf die beiden mysteriösen Objekte zu.  Just in dem Moment, als sie zum Markieren  ansetzt, kommen zwei Asiaten um die Ecke gerannt, greifen sich die Säcke, werfen sie über die Schulter und verschwinden im Nebeneingang. Verdutzt schaut mich mein Hund an. Ich schaue verdutzt den beiden Asiaten hinterher, schüttele den Kopf, wische mir die Augen, um sicher zu gehen, dass ich nicht mehr schlafe. Was war denn das? Also ist das hier doch ein Ort der organisierten Kriminalität?!

Auf dem Weg in den zweiten Stock quält mich bei jeder Stufe die Frage, ob ich als rechtschaffener Bürger hätte eingreifen sollen oder wenigstens die Polizei benachrichtigen sollte. Aber schon spielen sich Szenen in meinem Kopf ab, in denen meine Tür von Maskierten eingetreten wird und ich mich bis zu den Knien einbetoniert in einer Grube wiederfinde. Schließlich haben sie mich und meinen Hund gesehen und wissen wo ich wohne. Schnell verwerfe ich den Gedanken, rühre den Zucker in meinen Kaffee und verfolge die Radio1 Verkehrsnachrichten. Die Berliner S-Bahn verbreitet immer noch Angst und Chaos. Gibt wichtigere Dinge als einige illegale Zigarettenverkäufer.  Irgendwie fangen sie mir auch an Leid zu tun, wie sie da bei Wind und Wetter auf Käufer warten. „Rauchen ist blöd!“ denke ich… „muss ja keiner bei denen kaufen.“

Dann studiere ich meine Tageszeitung und verdränge den Vorfall. Als ich am Nachmittag im Park spazieren gehe, treffe ich Ralle. „Wat machst’n du hier?“ frage ich erstaunt. Ralle sieht mich etwas verständnislos an. „Wollteste mich besuchen?“ Ralle hatte mich in meiner neuen Bleibe noch nie besucht und die obligatorischen Wochenendspaziergänge mit seiner Frau und den Kindern hasste er. „Eigentlich nicht. Hab da ne neue Quelle aufgetan.“ flüstert er verschwörerisch. „Aha? Na sag an… PC’s?“ flüstere ich zurück. „Nee, Zigaretten! Hab gehört gleich bei dir um die Ecke gibt es ein paar Vietnamesen, die verkaufen die Stange für den halben Preis.“ Bin ich etwa immer noch nicht wach, denke ich. „Bist du also ooch einer von denen, die die Mafia unterstützen?“ bricht es aus mir heraus und ich weiß nicht, ob ich ihm auf der Stelle die Freundschaft kündigen soll. „Na hab dich mal nicht so. Verstehst du als Neu-Nichtraucher eh nicht. Weißte wat’ne Schachtel jetzt kostet und wat ick auf Nachtschicht wegqualme?“ fährt er mich an. „Ne, aber…“ ich komme nicht weiter. „Außerdem isset doch für alle juht. Ick komm billig an die Fluppen ran, den armen Jungs aus Vietnam helfe ich so etwas auf die Sprünge und du nimmst ja ooch gern eine von mir, wenn wir unterwegs sind.“ Ich bin kurzzeitig entwaffnet. „Aber ich wusste doch nicht, dass du die hier kaufst.“ kontere ich halbherzig. „Schwamm drüber. It is wie it is! Vergiß es, du bist ooch kein Samariter. Oder haste gefragt, woher dein Laptop kommt?“ Nun war ich endgültig gefechtsunfähig. Nach einer kurzen Pause schlägt mir Ralle auf die Schulter. „Haste dir schon ’ne Karte gegen 1860 München besorgt? Steht doch der Termin, oder? Mittag kannste bei uns essen. So, muss jetzt weiter. Eisern!“ gibt meinem Hund ein Klaps und zieht weiter.

„Was für eine verrückte Welt“, denke ich und verbringe den Nachmittag damit, im Internet nach günstigen Vietnamreisen zu suchen. Ich hatte mich entschieden auf ehrliche Weise zu helfen – Vor-Ort-Aufbauhilfe. Als ich mitten in der Routenplanung bin, klingelt es. Ich sperre meinen Hund ins Arbeitszimmer und öffne die Tür. Vor mir steht meine Obermieterin. In der linken Hand eine Tüte Zucker, in der rechten eine Flasche Merlot und eine Tüte mit Plätzchen. „Wollt misch noch bedanken. Vielleicht Lust auf ein Glas Rotwein?“ Ich bin doch wach, oder? „ Naja, mhh, ähh, ja natürlich. Tip Top! Hatte eh nichts vor.“ stottert es von der Hüfte kommend aus meinem verwirrten Kopf. „Haben sie vielleicht Zigaretten? Nein? Kein Problem. Hab da meine Quelle hier um die Ecke. Bin gleich zurück.“ Verschmitzt zwinkert sie mir zu und verschwindet mal wieder im Nebel der Treppenflurbeleuchtung.

Ich versuche die Grundordnung in meinem Wohnzimmer herzustellen, hole zwei Weingläser, werfe Van Morrison in die Anlage und dekoriere den Tisch mit einem Aschenbecher–direkt neben meiner Zuckerschale. Verrückte Welt!

Quereinsteigerminister

Geschlagene 22 Minuten kurve ich durch die Tiefgarage des Alexa-Kaufrauschtempels. Kennzeichennummern, die ich noch nie gesehen habe, haben jeden Parkzentimeter in Beschlag genommen. Frau mit Kind Parkplatz – meine Chance! Rückwärtsgang und… gerade als ich Gas geben will, erblicke ich gerade noch rechtzeitig einen Porsche Boxter hinter mir. Mein Blinklicht ignorierend klaut er mir, ganz lässig vorwärts einparkend, die Parklücke. Eine etwa fünfzig jährige Botox-Blondine schraubt sich aus der tiefer gelegten PS-Viagra-Schleuder ihres Mannes, lässt die Blinker mit der Fernbedienung aufblitzen und winkt mir entschuldigend zu. Ich grinse zurück und bin gaaanz entspannt. Nach zwei weiteren Runden macht mir dann eine Großfamilie aus Teltow Fläming Platz. Nachdem die Eltern gefühlte 15 Minuten brauchen, Hi-Tech-Weihnachtsgeschenkekartons in ihrem Opel Astra zu stapeln und ihre drei Kinder genervt zusammenstauchen, doch endlich mit dem Versteckspielen im Parkhaus aufzuhören, um auf der hinteren Sitzbank Platz zu nehmen, die eigentlich nur noch Platz für eine Schildkröte bietet, geben sie ähnlich tiefer gelegt wie der Porsche davonröhrend die Lücke frei für mich. Endlich! Auf dem Weg zu den Rolltreppen erwischt mich fast noch ein 5er BMW mit verdunkelten Scheiben und fetten Orient-Techno-Bässen. „Eh, man du Penner. Mach Augen auf du, Alter.“ brüllt mich ein junger Mann mit Ed Hardy Baseballcap an und wendet sich lachend zu seiner Beifahrerin in gefaktem D&G Kostüm und Kopftuch… „Wat’n Opfer! Gimme five.“ Ich hasse Parkhäuser! Als wäre nichts passiert, betrete ich die Rolltreppe und lasse bereitwillig einige hyper hektische Shopping-Junkies an mir vorbeihetzen, während ich noch über das „Alter“-Anhängsel des BMW Fahrers nachdenke.

Plötzlich klingelt mein Handy. „Du ooch hier. Wir sehen dich. Hier am Kamps Bäckerstand.“ Sieben Meter vor mir winken mir freudige Kinderhandschuhe entgegen. Tom und Familie auf Shoppingtour. Mit halbvollen Mündern begrüßt man mich und wünscht mir das saisonübliche „Schönen dritten Advent“. Willkommen im ganz normalen Weihnachtswahnsinn. Dabei hatte die Weihnachtszeit für mich schon Mitte Oktober begonnen, als Aldi die ersten Marzipanbrote in den Regalen hatte. Marzipan in Brot- oder Eierform, als Stern oder Herz – das ist auch schon ziemlich alles, was mich an diesem so falsch friedlichen Harmonie Jahresabschnitt reizt. „Werde jetzt bald als Lehrer anfangen.“ grient Tom mich an und in den Gesichtern seiner beiden Töchter verdrehen sich die Augen. „Wie jetzt?“ frage ich. „Du bist doch Ingenieur.“ Conny, Toms Frau, kräuselt die Stirn und schluckt das letzte Stück Laugenbretzel runter. „Krise. In Toms Firma machen sie jetzt Kurzarbeit. Bei mir im Betrieb sieht es ooch nicht gut aus. Naja, und die Kinder müssen ja bezahlt werden.“ Grinsendes Kopfnicken von Sandy und Sandra mit ihren Puderzucker-Oberlippenbärtchen. „Soll da quasi als Quereinsteiger für einen Lehrer, der von seinem Psychiater für ein halbes Jahr als berufsunfähig eingestuft wurde, vertreten. Physik und Mathe, 14 Stunden am Gymnasium bei dir um die Ecke.“ Tom und Lehrer denke ich bei mir. Ok, Mathe und Physik das musste er nun wirklich drauf haben, aber mit Kindern? Hat ja bei seinen beiden Töchtern schon früh die Begabung entwickelt, mit Gesprächsthemen anzukommen, die ihn davon befreiten, sich länger als 10 Minuten mit ihnen zu beschäftigen. Er fand es als Beitrag  zur Förderung seiner Kinder als ausreichend an, wenn er deren Hausaufgaben abgeschottet in seinem Arbeitszimmer kontrollierte und die Fehler mit seinem Konstrukteurbleistift anstrich. Jungs hätten bei seinem Modellbauhobby eher eine Chance auf Halbtagsbeachtung gehabt. Stellte mir Tom vor der Klasse vor. Kariertes Jacket dozierend vor schlafenden oder mit Papierbällchen werfenden Schülern, die Tom aus der Ruhe bringen wollten. Aber der würde der letzte sein, der schreiend sein Recht auf die Rolle des Wissensvermittlers in Anspruch nehmen würde. Eher würde er einen 45 minütigen Monolog halten und versuchen, noch effizientere Lösungen als es das Lehrerhandbuch für  die anstehenden Problemstellungen anbot, zu finden. Dabei würden Zahlen und Formeln die Tafel verzieren und Schüler bräuchte er nur, um als Tafeldienst von Zeit zu Zeit etwas neuen Platz auf das Grün zu wischen. Nein, Tom war kein Lehrer. Manche im Freundeskreis behaupteten sogar, dass das Worte Philanthrop und Tom sich im physikalischen Sinne abstoßen würden.

„Find ich gut, aber haste dir das auch richtig überlegt?“ frage ich. „Die Kids sind heute etwas anders drauf. So Einstellung und Werte – weißt schon. Das hört man ja ständig, was für ein Chaos an den Schulen herrscht. Und nicht umsonst musste als Lehrer Psychologie und Pädagogik studieren. Und warum du? So ein Lehrermangel?“ Tom hebt die Hände wie ein Heiliger… „Sag ich ja. Und da komme ich, unvoreingenommen, aus der Industrie und kann gleich was Gutes tun für unser Berliner Bildungssystem.“ Klappe die Erste Herr Minister, denke ich. „ Klingst ja wie’n Politiker! Was machste wenn der Typ nach zwei Monaten gesund geschrieben wird?“ Tom verdreht die Augen. “Sei doch nicht so defätistisch. Schau mal der ist verbeamtet, bekommt weiter volle Kohle und wird wie ein Haufen anderer Beamte ’nen Scheiß tun, schnell wieder gesund zu werden. Dit ist doch die Misere, die ich mir zu Gute mache. Und soviel zu den Politikern… gestern noch als Jurist Gesundheitsminister gespielt und Vorsorgeuntersuchungen gekürzt, kannste morgen als Bildungsminister die Gesamtschule beschließen und übermorgen bist du als ungedientes Weichei als Verteidigungsminister in Afghanistan und nimmst eine Parade ab. Wenn du aber Pech hast, dann hat dich bereits ein paar Monate zuvor irgend ein deutscher Oberst in Afghanistan abgeschossen, du warst noch für die Wirtschaft oder so verantwortlich, bevor du noch im geringsten an etwas militärisches gedacht hast. Geht doch alles heute. Schon mal drüber nachgedacht? Warum soll ich da nicht ein auf Lehrer machen und ick kenn’ mir aus mit Mathe und Physik, kannste globen.“

Eigentlich hatte er da Recht. Meine natürliche Skepsis war aber noch nicht zerredet. Nur das mit den Ministern machte mich nachdenklich. Wonach werden die eigentlich ausgewählt? Politik ist ja nun nicht mein Ding aber ich begann mir Gedanken zu machen. Hatte man nicht nach der Bankenkrise festgestellt, dass Frauen viel besser mit Kapital umgehen können? Männer sind eben Zocker! Warum wacht dann nicht eine Frau über unseren Staatshaushalt? Das könnte sie mit dem Justizministerium gleich so verbinden, dass Bänker und Vorstandschefs gar nicht erst auf falsche Gedanken kommen. Mehr Toleranz find ich auch ganz wichtig. Traut man sich als Fußballer schon nicht zum Outing, sei es wegen psychischer Probleme oder wegen seiner Homosexualität, kann man sich vorstellen, wie es in deutschen Kasernen sein muss. Gibt es überhaupt schwule Soldaten? Ich möchte nicht in ihrer Haut stecken. Ok, muss ja nicht gleich eine Military St. Christopher Street Parade mit rosa Panzern geben. Aber vielleicht könnte ein homosexueller Verteidigungsminister mehr zur Befriedung der Welt beisteuern, als als Außenminister, wo er vielleicht ständig den lästigen Fragen nach seiner Gattin ausgesetzt ist. Dann würden die Uniformen bestimmt auch mehr Chic bekommen. Wäre interessant wer den Zuschlag bekäme, der große, kleine Karl oder Joopi, der Wolf in Kashmir. Für den Job als Außenminister sollte neben der Kanzlerin nur ein Mann mit sauberer deutscher Vergangenheit und Wertvorstellungen in Frage kommen. Am besten eine Art Freiherr mit „von“ und „zu“ im Namen. Zumindest sollten gutaussehende Gattin mit erfüllten Mutterpflichten und einwandfreies Englisch Voraussetzung sein.

Um die Gesundheit muss sich ein Mediziner kümmern. Einer der weiß, wie schnell man sich als Kassenpatient in deutschen Krankenhäusern Viren einfängt, denen dann von „Burnout“ gefährdeten Ärzten und desillusioniertem Pflegepersonal in 72 Stunden Schichten der Garaus gemacht werden soll. Einer der dem Mumm hat, sich mit Krankenkassen und der Pharmamafia auf Augenhöhe anzulegen. So wie ein Umweltminister, der allerdings aus Überzeugung Fahrrad fährt. Seine Familie hat er in Berlin, um sich und dem Steuerzahler weite Heimreisen mit Benzin fressenden Staatskarossen oder dem Flieger zu ersparen. Einer, der die Großstadtluft kennt und liebt und sich nicht in eine saubere heile Welt zurückzieht. seinen Backpacker-Urlaub nutzt der ganz klar, um sich Vorort von den Auswirkungen der Klimaerwärmung und dem Giftmüllexporten zu informieren. Und natürlich sollte er keine privaten Kontakte zur Industrie pflegen. Im Gegenteil, er sollte ganz vorn marschieren, wenn es darum geht, einen Umweltgipfel zu erklimmen und „erfolgreich“ wieder herabzusteigen. Aber das wär ja dann einer von den Grünen – geht also nicht. Kann aber auch sein, dass der Ministerposten selbst gar nicht so wichtig ist. Von Bedeutung sind vielmehr die klugen Köpfe für die Zuarbeit, quasi die Leute für’s Grobe im Hintergrund und der Chef muss nur gut lesen können, Skandal-frei sein und eine taugliche Visage für die Fernsehkameras haben.

Besonders wichtig für Deutschlands Zukunft ist für mein Verständnis die richtige Besetzung des Familienministerpostens. Das müssen aber unbedingt zwei machen, ein Mann und eine Frau oder eine Frau und ein Mann. Schon wegen der gleichberechtigten analytischen Herangehensweise. Sie vielleicht alleinerziehend und er Hausmann mit Ministerposten in einem 6 Personenhaushalt und mit Brokerin als Frau. Wie will man denn sonst die Probleme in den deutschen Reihenhaussiedlungen verstehen?! Was brauchen Kinder heute an Taschengeld? Wie viel Stunden am Tag muss man sich als Vater oder Mutter mit dem Nachwuchs beschäftigen, damit er unter dem Schulstress nicht drogenabhängig wird? Welche Rechten und Pflichten im elterlichen Heim sind für Kinder mit dem Grundgesetz vereinbar?  Da muss man doch mitten drin steh’n auf dem Familienschlachtfeld. Ich ledig und kinderlos würde mir das nicht zutrauen. Und die Bildung erst?…

Da fällt mir Tom wieder ein. Warum eigentlich nicht? „Du machst das schon!“ sage ich mit dem Versuch eines optimistischen Untertons. „Ick muss jetzt in die zweite Etage. Weißt schon, Tickets für Union am Sonntag.“ Conny schaut Tom von schräg unten fragend an. „Ja, hau rin Alter und Eisern!“ stottert er, gibt Conny einen flüchtigen Kuss und sagt mir durch ein Augenzwinker: „Ick klär dit schon.“ Zum Abschied drückt mich Conny nochmal mütterlich an sich. „Glaub nich, ick weeß nich bescheid. Da muss er sich aber noch mächtig anstrengen bis Sonntag, unser Tom!“ Sandra und Sandy strecken mir ihre Fäuste hin und murmeln tief: „Peace Alter!“ und lachen sich halb tot, als sich unsere Fäuste verfehlen. Warum bin ich heute nur für jeden „Alter“. Ich sollte mich mal wieder rasieren. Als ich auf dem Weg zur Tiefgarage am Mediamarkt vorbei komme, springen mir fette Buchstaben ins Gesicht. „Wir suchen dringend Fachverkäufer für unsere HIFI Abteilung.“ Super, denke ich, genau das richtige für mich. Schließlich höre ich den ganzen Tag Musik und liebe Filme. Kurz überlege ich, ob ich nachfragen sollte. Obwohl, eigentlich sehe ich mich ja eher als Typ für den Abteilungsleiter oder für’s Filialmanagement.  Aber dafür muss man bestimmt studiert haben. Egal,  steig ich quer ein und werde MC – Minister of Celebration!


1 Antwort zu „kiez-geschichten“


  1. November 9, 2011 um 9:49 vormittags

    Dufte erzähltes Leben uffm Kietz!


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