06
Jul
10

AC/DC – High Voltage Rock’n'Roll

Wielange hatte ich mich gesperrt? AC/DC ohne Bon Scott wollte ich nie live sehen. Später, als sich das relativierte, fehlte das Geld, die Zeit oder unsere Wege wollten sich einfach nicht kreuzen. Ich war gerade fünf als die Young Brüder ihre neue Band zusammenstellten und mit acht hörte ich meinen ersten AC/DC Song. “High Voltage” elektrisierte mich mein ganzen Leben, auch wenn es Spannungsschwankungen gab. Anfang der 80er Jahre erschien “Highway to Hell” bei Amiga und  DT64 (der DDR Jugendsender) begann, jeden Samstag eine LP Seite der bis dahin veröffentlichten Alben vollständig und ohne Moderatorengequatsche über ihre Radiofrequenz laufen zu lassen. Der Zeigefinger zitterte jeden Samstag über der Aufnahmetaste meines Kassettenrekorders. Ob das noch ein juristisches Nachspiel wegen der Rechte hat? Es dauerte gefühlte 20 Wochen, dann hatte ich sie alle auf hauchdünnes braunes Band gepresst! Was gab es für Diskussionen, wenn da ein Familienausflug geplant war und was war das für ein Druckmittel wenn es in der Schule nicht so lief, wie es meine Eltern wollten. Aber AC/DC war Kult in unserer Klasse und so organisierte man sich, tauschte sich die ORWO Bänder zum Überspielen aus, litt wenn es “Bandsalat” gab, übte vorm Spiegel mit der Airgitarre Angus’ Bühnenshow und nervte die Nachbarn mit lautem Zündstoff wie “T.N.T.”. Natürlich wurden die Ärmel aus der Jeansjacke getrennt und das Bandlogo mit dem Rest der guten Goldfarbe, die mein Opa aus dem Westen für die Kosmetik seines Wetterhahns mitgebracht hatte, auf den Rücken gemalt. Bravo Poster mit dem Konterfei der Band wechselten für hart gespartes Taschengeld die Besitzer, um die Wände der Kinderzimmer damit zu tapizieren und ein Hauch von Hardrock zu erzeugen. Besonders cool war, wer seine Joppe mit AC/DC Ansteckern pimpen konnte und natürlich heimlich eine Fluppe im Mundwinkel trug. Zu dieser Zeit mussten meine Eltern Zähne knirschend einsehen, dass ich wirklich nicht mehr zur Orchesterprobe mit meiner Mandoline gehen konnte. Imagerettung wäre eine Gitarre gewesen, aber die waren schon alles besetzt.

Wir kannten jede Platte mit der genauen Titelfolge, dem Erscheinungsdatum und -ort. Warum wurde so etwas nie im Musikunterricht abgefragt? Auch wenn es Meinungsverschiedenheiten gab, welcher nun der beste Song sei, wir waren uns einig – AC/DC war die beste Band der Welt. Natürlich war unsere Welt damals noch sehr klein und Angus & Co. mussten sich später gegen andere Bands und Musikrichtungen behaupten. Sie bestanden und 33 Jahre nach meinem ersten AC/DC Ohrwurm sollte es das letzte Deutschlandkonzert ihrer zweijährigen Welttour in Berlin sein, um die Jungs mal live zu erleben. Ein Fehler? 70.000 Fans im ausverkauften Olympiastadion können nicht irren! Natürlich war ich aufgeregt wie ein kleiner Bengel, der sein erstes BMX Bike bekommt.

Schon auf den Zufahrtsstraßen dröhnt ein Mix von AC/DC Songs aus den im Stau steckenden Autos. Jeans- und Lederjacken mit gehörnten Angusbildern und AC/DC Schriftzügen ziehen gemächlich in Richtung Olympiastadion. Am Einlass schiebt sich vor mir ein 1,90m Mann an der Security vorbei, der auf seiner Weste scheinbar die Souvenirsticker der AC/DC Konzerte der letzten dreißig Jahre fein geordnet aufgenäht hat. Plötzlich komme ich mir vor wie ein Greenhorn in Sachen AC/DC. Die Merchandise Stände im Innern sind gut belagert und hier fällt auf, dass diese Band nicht nur eine lange Geschichte hat, sondern auch über die Generationen begeistert. “Cool Mum! Danke.” verrät eine Rock-Mutti, die ihrer etwa 18 jährigen Tochter das Tour Shirt kauft. Sie hätten auch als Schwestern durchgehen können. Ein gut gelauntes Pärchen mit grauen Strähnchen in Zopf undBart und mit AC/DC-Liter-Bierbechern probiert schonmal die batteriebetriebenen Teufelshörner aus und ein gerademal hüfthoher blonder Sechstklässler wartet ungeduldig in der DIXIE-Schlange, während einige Männer mit Pionierblase es nicht mehr aushalten und sich unter den Blicken verständnisloser Mädels zwischen den Plastekabinen entleeren.  Ob das der richtige Dünger für den Olympiarasen ist? Hertha mag es herausfinden, falls sie nach dem Abstieg noch hier spielen dürfen.

Die Wolken über Berlin machen den Weg für einen blauen Konzerthimmel frei und so wartet man gemütlich bei Bier und Brezeln auf die Vorbands. Es wird gefachsimpelt denn man hat ja ein Thema das verbindet. Mit leuchtenden Augen erzählt man von Konzerterlebnissen,schwärmt von Plattensammlungen und präsentiert stolz die Erinnerungstattoos. BOON aus Berlin legen bereits vor. Zugegeben, mich und viele um mich herum bewegen sie nicht zum Aufstehen. Die Intros kommen zwar brachial rüber und laden zum Mitwippen ein, aber dann verkümmert die Mugge zwischen dünnem Gesang und schlecht abgemischtem Sound. Es muss aber auch etwas vom Vorspiel im leeren Konzertsaal haben, da sich das weite Oval nur träge füllt. VOLBEAT übernehmen nach kurzer Umbaupause. Die vier Dänen, die mich auf CD nicht richtig überzeugten, dafür aber bei den Mitschnitten vom Nürburgring sind eigentlich eine Liveband. Hier spürt man den Spass am Musizieren auf der großen Bühne. Die Mischung aus Heavy Metal, Rockabilly und Spasspunk lässt die Kniescheiben vibrieren und die Nackenmuskeln kontrahieren. Der Funke zwischen Band und Publikum springt schnell über. Sänger Michael Poulsens Verehrung für den King of Rock hat sich neben einem Tattoo auf dem Arm auch auf seinen Stimmbändern breit gemacht. Dazu der rollende Gitarrensound und spätestens bei “Pool of booze booze booza” weiß man, warum man hergekommen ist – 100 % Rock! Gegen 20:45 Uhr scheint auch der letzte verkaufte Platz belegt zu sein. Blinkende Teufelshörner und La Ola Wellen stimmen ein, worauf die 70.000 Fans seit dem Nachmittag gewartet haben… den Rock’n'Roll Train der Extraklasse. Punkt 21:00 Uhr überrollt er dann mittels Leinwandcomicfilm das Publikum im Innenraum.

Die Fahrt scheint in Vollspeed durch die Hölle zu gehen. Zwei dralle Schönheiten durchlaufen die Wagons während Angus den Kessel ordentlich einheizt bis die Tachonadel am Anschlag zittert. Und passend dazu “Hell ain’t a bad place to be”. Der 63 jährige Brian Johnson macht klar, wohin die Fahrt gehen soll. Breitbeinig mit ärmellosem Hemd verkündet er: “It’s good to be back! Heute ist Party, und die beginnt genau jetzt!” Auch wenn ich einen Platz nicht weit von ihm und seinen Bandkollegen ergattert habe, scheint die Riesenbühne AC/DC zu verschlucken. Es ist eine Show der Superlative. Man bringt alles auf die Bühne, was sich über die Jahre ansammelte, ohne dass es Staub angesetzt hat. Da ist die Glocke von “Hells Bells”, die Kanonen von “For those about to Rock-we salute you!”, die aufblasbare Rieselola von “Whole lotta Rosie”, die zwei Anguskappen mit den leuchtenden Hörner als “Regenschutz” für die Lautsprechertürme und natürlich der überdimensionale “Rock’nRoll Train”, der von neun unsichtbaren Roadies passend zu “Runaway Train” krieschend auf der Bühne zum Halten gebracht wird und der später von Lola zum “Bullriding” misbraucht wird. Es brauchte 31 Trucks, 60 Tourtechniker und 120 Bühnenarbeiter, um diese Show ins Rollen zu bekommen. Das Kontrastprogramm liefern die Musiker selbst. Einfacher, schnörkelloser und perfekt gespielter Hardrock. Alles ist auf das Wesentliche reduziert. Schlagzeuger Phil Rud, der ketterauchend den Takt vorgibt, Malcolm Young an der Rhythmusgitarre und Bassist Cliff Williams bleiben im Hintergrund und bilden die musikalische Basis. Daran hat sich seit den Anfängen von AC/DC nichts geändert. Brian Johnson, den wohl keiner der AC/DC Fans mehr als Nachfolger für Bon Scott in Frage stellt und Angus Young als der brilliante “Bad Boy” an der Gibson ziehen die Blicke der 70.000 auf sich und treiben die Show voran. Auf den “billigen” Sitzplätzen kann man über Leinwände erahnen, was für ein Rock-Feuerwerk auf und um die Bühne abgebrannt wird.

Es ist wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Auch wenn Bon Scott vor genau 30 Jahren auf tragische Weise verstarb, scheinen AC/DC für zwei Stunden seinen Geist zum Leben zu erwecken. Geschickt werden Songs der letzten Platte unter die alten Lieder gemischt, was kaum auffällt, denn wer AC/DC kennt und mag, erwartet auch keine großen musikalischen Veränderungen. Die fünf Musiker  sind da eher konservativ. Warum experimentieren, wenn man mit dem gewohnten Stil erfolgreich war und ist? Und die Fans danken es ihnen. Mehr als 200 Millionen Alben verkaufte man weltweit, mit “Back in Black” haben sie die wahrscheinlich weltweit zweitbest verkaufte Platte der Geschichte eingespielt und als Rockband ist ihnen ein Platz unter den TOP 10 sicher. Langsam wird es dunkel in Berlin und die tausenden rot blinkenden Hörner sorgen bei “Highway to Hell” für die entsprechende Kulisse. Die Stimmung ist grandios. Wer sich über den verwischten Sound im Stadion beschwert, sollte sich klarmachen, hier spielen AC/DC und nicht Jean Michel Jarre. It’s rock. It’s loud. It’s good. Die Fans singen die Refrains mit, Angus rockt seine Kilometer auf dem ins Stadioninnere gezogenen Laufsteg ab und Brian scheint etwas irritiert, als ihm aus dem Publikum ein BH entgegenfliegt. Als dann die Kamera noch einige Mädels einfängt, die sich auf den Leinwänden entdecken und die Stimmung noch mehr anheizen, indem sie ihre Tops für alle sichtbar lüften, grinst auch Brian und bemerkt etwas schüchtern, dass er dafür wohl zu alt sei.

Ja, sie sind in die Jahre gekommen, aber deshalb nicht schlechter geworden. Angus legt nicht mehr bei jedem Song ein mehrminütiges Solo hin oder steigt auf Brians Schulter. Dafür braucht er aber auch keine Sauerstoffmaske wie früher, um die Intensität der Show durchzuhalten. Ihm reichen zwei knapp 10 minütige Soli um der Welt zu zeigen, dass er immer noch ein Gitarrengott ist, der die Saiten seiner Gibson zu spüren scheint, wie die Sehnen seines 1,57 “großen” Körpers, wenn sie wie verschmolzen über die Bühne jagen. Eins tut er seinen Fans allerdings nicht mehr an. Mit nun mehr 55 Jahren zieht er bei “The Jack” nicht mehr “blank”… ein Blick auf das Bandlogo auf den Boxershorts muss reichen und sorgt immer noch für tosende Begeisterung. Kritiker unterstellen AC/DC immer noch eine infantile Naivität. Zugegeben, ihre Texte strotzen nicht von tiefgreifenden Philosophien. Im Vergleich zu vielen anderen Bands ihres Schlages scheinen sie über Hölle, Teufel und das Sex, Drugs und Rock’n'Roll Image eher zu witzeln. Aber schaffen es die Australier nicht gerade durch ihre Ursprünglichkeit, dass man sich an alte Zeiten erinnert, ein kleiner “Piepel” sein darf und die totale Ernsthaftigkeit des Alltags hinter sich lässt?! Nach zwei Stunden phongetriebener Energie geht es in die Verlängerung. Mit “Let there be Rock” wird der Weg in die hoffentlich noch schaffensreiche Zukunft von AC/DC eingeleitet und mit Salutschüssen werden alle die Fans, die auf Rock stehen, standesgemäß verabschiedet. Ein “kleines” Feuerwerk für den nächtlichen Himmel über Berlin ist bei einem Produktionsaufwandwand von 4.5 Million Dollar auch noch drin, bevor sich glückliche Fans langsam auf den Nachhauseweg machen. Die meisten wird man wohl beim nächsten AC/DC Konzert wiedertreffen. Fazit: Eine gigantische Show, die jeden Cent wert war. An manchen Stellen hätte es ruhig noch etwas lauter sein können. High Voltage for ever!


1 Antwort zu „AC/DC – High Voltage Rock’n'Roll“



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