20
Apr
10

Weiße Schwarzheiligkeit

Tori konnte ihr Glück noch nicht fassen, denn irgendwie lag ihr diese vornehme Gastfreundlichkeit ihrer Mutter doch noch etwas schwerer im Magen, als der kleine Wurm in ihrem Arm, den sie durch den elterlichen Garten trug. Noch vor zwei Jahren hatte man sie hier auf dieser Schwelle schwer gedemütigt, verstoßen und seelisch nackt in ihre Studenten WG zurück geschickt. Damals war Samir zum Glück nicht dabei, den sie durch ihren Job beim Akademischen Auslandsamt der Universität kennen gelernt hatte. Verschüchtert stand er damals mit seiner Studienerlaubnis und seinem sudanesischen Pass vor ihr, der deutschen Sprache kaum mächtig und hilflos wie ein ausgesetzter deutscher Tourist es wohl in der Sahara sein würde.

Sie liefen sich am nächsten Tag in der Mensa erneut über den Weg und beschlossen, das Grillhähnchen mit Pommes und Mischgemüse an einem gemeinsamen Tisch am Fenster einzunehmen. Sie einigten sich auf Englisch, eine Sprache, die sie beide so sprachen, dass Tori bald klar wurde, wie nötig Samir ihre Hilfe brauchte. Zwei Wochen später zog er in die Wohnung ein, die Tori sich mit vier anderen Studenten teilte und in der noch ein Zimmer frei war. Schnell lebte sich Samir ein und ließ die Sonne aufgehen, wenn er morgens laut singend mit dem Badehandtuch um die Hüften geschlungen ins Badezimmer schlich, am Abend seine Kongas zu Björns Gitarrensoli spielte und seine exotischen Gerichte die Küche mit den undefinierbarsten Düften schwängerten. Kein Wunder, dass es nicht lange brauchte, bis sich Tori und Samir näher kamen. Aus langen Unterhaltungen in der Gemeinschaftsküche wurden gemeinsame Spaziergänge am Spreeufer und Ausflüge mit Freunden an die Ost- oder Nordsee. Lange durchtanzte Nächte zu lateinamerikanischen Klängen von Mauricius’ Freunden, Konzert- oder Museumsbesuche an den Wochenenden verringerten die geistige als auch die körperliche Distanz, die es gefühlt eigentlich nie gab. Bald hörte man die beiden gemeinsam unter der WG Dusche undefinierbare interkulturelle Sampler trällern, und nach sieben Monaten entschied sich Tori spontan zu einem Besuch bei ihren Eltern.

Sie platzte fast vor Glück, denn nie zuvor hatte sie diese Art der Intensität in einer Beziehung erlebt. Nicht an einen einzigen Tag konnte sie sich erinnern, an dem man nicht lachend aufstand und sich nach zu langen Seminaren und Vorlesungen an unterschiedlichen Fakultäten freudig in die Arme fiel, um nachts eng aneinander geschlungen einzuschlafen. Kein Funken von Streit, keine Vorhaltungen oder Berührungsängste mit Freunden hatte es gegeben. Sie wollte es in die große weite Welt hinausschreien und hätte es in der kleinen engstirnigen elterlichen Welt lieber vermeiden sollen. Über ein: „Ich bin verliebt. Er heißt Samir und kommt aus dem Sudan.“… kam sie nicht hinaus. Da bekam die väterliche Toleranz schon kalte Füße. Nie hätte sie auch nur im geringsten geahnt, was für eine Lawine sie damals ins Rollen brachte. Bei der eigenen Tochter hörte das multikulturelle  Verständnis auf. Man konnte förmlich spüren, wie Toris Eltern bei dem Gedanken an einen Schwiegersohn aus dem heißen Afrika innerlich erfroren. Es wurde ein kurzes Treffen. Schnell waren die Bedenken einer „multikulti“ Beziehung im Esszimmer auf den frisch eingedeckten Tisch geknallt und zum Scheitern erklärt. Worte wie Wirtschaftsflüchtling, Machomentalität, Hinterwäldlerkultur und schmarotzende Gaststudenten flogen wie Ping Pong Bälle gegen die Wände und Unverständnis, Wut und Ohnmacht prallten von den Seidentapeten auf Tori zurück. Erklärungen erstickten schon im Keim. Ein Samir würde an ihrer Seite diese Hausschwelle nie übertreten, machte der Herr des Hauses unmissverständlich klar. Tori fiel, unter den unterdrückten Tränen ihrer Mutter, in ein fast zweijähriges Koma der totalen Isolation von ihren Eltern.

Zeit und einige heimliche Telefonanrufe ihrer Mutter heilten die Wunden. Nun stand sie auf der elterlichen Terrasse. Die Sonne wärmte ihr noch blasses Gesicht. Es war erst Mai und es stand außer Frage, dass Rosarius erster Geburtstag in der Villa gefeiert wurde. Stolz hielt Tori ihren kleinen Bruder auf dem Arm, der seinen eigenen Geburtstag zu verschlafen schien. In diesem Augenblick fuhr der flaschengrüne Jaguar von Dr. Kablinski, der die Familie schon seit Gedenken vertrat, die Auffahrt hinauf. Lässig warf der immer noch attraktive sechzigjährige Single die Wagentür zu und begrüßte mit Handkuss Toris Mutter.

„Ich habe der gnädigen Frau die Scheidungspapiere mitgebracht. Der Herr Doktor hat übrigens schlechte Karten im Fall Christina. Ihre Abschiebung in den Niger ist erst einmal auf Eis gelegt. Der Vaterschaftstest hat ihren Mann… Entschuldigung: Ex-Mann… eindeutig noch mal zum Vater gemacht. Außerdem wird er sich wegen Nötigung einer Angestellten, wenn nicht sogar Vergewaltigung verantworten müssen. Wenn sie wünschen, würde ich dann Christinas Verteidigung übernehmen.“

Ein kurzes Nicken genügte, um das Thema abzuschließen. Christina setzte sich erleichtert auf das Rattansofa. Sie gehörte nicht mehr nur zur Firma. Sie war nun auch Teil der Familie, auch wenn die Wunden Zeit zum Heilen benötigten. Ihr dunkler Teint hatte sich bei ihrem kleinen Rosarius durchgesetzt. Wenn sie Glück hatten, wären die blauen Augen alles, was die drei Frauen an seinen Vater erinnern würde.

„So eine schöne Mischung sollten wir auch hinbekommen.“ flüsterte Samir Tori ins Ohr und legte seine schmalen Chirurgenhände auf ihren schon leicht gewölbten Bauch.


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