15
Dez
09

Sugar and Cigarettes

Als ob das morgendliche „sich aus dem Bett wälzen“–Ritual nicht schon an die Grenzen des physisch Machbaren stößt, muss ich beim Blick in die Zuckerdose feststellen, dass mir der Zucker ausgegangen ist. „F***! Kaffe ohne Zucker geht doch gar nicht.“, denke ich und schlurfe zurück ins Bad. Beim Anblick meines ’Hüftfreundes’ fällt es mir wieder ein. Es muss gestern gegen 22:00 Uhr gewesen sein, als meine Obermieterin vor der Tür stand, und nachdem ich meinen Zähne fletschenden Hund weggesperrt hatte, konnte ich ihrem Anliegen mein volle Aufmerksamkeit schenken. Mit leichtem hessischen Dialekt fragte sie nach Zucker weil sie noch „Plätzle mache“ wolle. Für die Nichten, die am Wochenende anreisen werden – aus Wiesbaden. Natürlich! Nun gut, ich muss gestehen, bis auf den Dialekt ist sie eine definitive „lass uns doch mal auf ein Glas Rotwein treffen“ Frau. Und so ging sie dahin, die letzte Packung kristallinen Süßstoffs. Mit einer lasziven Augenzwinker-Fingerabroll-Kombination dankend, verschwand sie im Nebel der Treppenflurbeleuchtung.

„Schööönen Dank kleiner Freund!“ knurre ich mein Spiegelbild an und streife mir die Jeans über, leine meinen Hund an und begebe mich noch etwas duselig auf den Weg zum Kaiser’s. Einige verspätete Kids begleiten mich hektisch ein Stück zum Gymnasium um die Ecke. Wer kann um diese Zeit schon intellektuell arbeiten? Es war gerade 09:23 Uhr. Grauer Himmel über Berlin und Nieselregen sind eher kontraproduktive Eckdaten für den Prozess des Wachwerdens. Politisch korrekt entsorge ich die Hinterlassenschaften meines Hundes, liebevoll in ein schwarzes Ikea Hundebeutelchen eingetütet, im BSR Container. Geschafft. Einige Bauarbeiter machen bereits zweites Frühstück am Bäckerstand. Meinem Gehirn-GPS folgend schlendere ich durch die Reihen direkt an den Backwarenständer. An der Kasse gönne ich mir noch eine Tageszeitung und bezahle mein „Süßgold“ bei der ebenfalls noch nicht ganz fitten Auszubildenden.

Brötchen? Warum nicht. Und so werde ich Mitglied der Viermannschlange am Backstand. Doch bereits beim  Einordnen bereue ich meine Entscheidung. Das kann erfahrungsgemäß dauern. In filigraner Kleinarbeit tütet die Verkäuferin die gewünschten Waren ein und lässt sich die Artikelnummern von den Kunden aus der Vitrine vorlesen. Es gibt kein Weg zurück, denn hinter mir haben sich schon zwei Malergesellen eingereiht. Durchhalten und freundliche Miene machen. Gelangweilt schaue ich durch die großen Schaufenster, als plötzlich ein Polizei-Opel mitten auf der Straße zum Stehen kommt. Zwei Uniformierte springen heraus und stürzen auf einen Asiaten zu. Flucht aussichtslos. Einer greift ihn im Nacken, der andere schnappt sich seinen linken Arm und zieht ihn dem armen Kerl fast bis an die Ohren. Breitbeinig wird er an der Karosse der Staatsdiener, die jetzt die Zufahrtsstraßen versperrt, abgeklopft.

Hinter mir höre ich ein belustigtes „Wieder so ein Vietcong von der Zigaretten Mafia. Richtig so.“ Zustimmendes Nicken um mich herum. „ Jeden zweiten Tag die gleiche Vorstellung. Na mal sehen, ob die Bambusratte jetzt den Schnittlauch anknabbert. “ meint mein Vordermann, der wohl zur selben „Brigade“ gehört und für schallendes Gelächter im Laden sorgt. Da sind sie wieder, die dumpfen Nebenerscheinungen der freien Meinungsäußerung. Vietcong? Mafia? Polizeieinsätze? Wo bin ich hier nur hingezogen. „Wat soll’s bei ihm sein?“ werde ich aus meiner sicheren Beaobachtungssphase gerissen. „Äh, zwee Schrippen bitte!“ sage ich, bezahle, greife die Tüte und will nur noch nach Hause. Das ist einfach zu viel für morgendliche 54 Pulsschläge in der Minute.

Schnell binde ich meinen Hund los, während die Polizisten auf den Vietnamesen, der mit hängendem Kopf vor ihnen steht, einreden. „Ham wir det nicht schon mal jesacht. Wir wolln dich hier nich noch mal erwischen. It reicht jetzt! Hamma uns da verstanden?“ Aber wo sind denn die Zigaretten? Frage ich mich, als ich um die Ecke biege und auf unsere Freianlage zusteuere. Natürlich versperrt mir wieder ein Kleintransporter den Weg. Als ich mich an ihm vorbei gequetscht habe, werden die Ladetüren zugeschlagen und der Wagen fährt röhrend los. „Dieselschwein!“ denke ich und will mich gerade über zwei große blaue Plastiksäcke aufregen, die der Fahrer anscheinend absichtlich an der Hauswand vergessen hat. Wieder einer, der seinen Müll hier entsorgt. Mein Hund steuert geradewegs auf die beiden mysteriösen Objekte zu.  Just in dem Moment, als sie zum Markieren  ansetzt, kommen zwei Asiaten um die Ecke gerannt, greifen sich die Säcke, werfen sie über die Schulter und verschwinden im Nebeneingang. Verdutzt schaut mich mein Hund an. Ich schaue verdutzt den beiden Asiaten hinterher, schüttele den Kopf, wische mir die Augen, um sicher zu gehen, dass ich nicht mehr schlafe. Was war denn das? Also ist das hier doch ein Ort der organisierten Kriminalität?!

Auf dem Weg in den zweiten Stock quält mich bei jeder Stufe die Frage, ob ich als rechtschaffener Bürger hätte eingreifen sollen oder wenigstens die Polizei benachrichtigen sollte. Aber schon spielen sich Szenen in meinem Kopf ab, in denen meine Tür von Maskierten eingetreten wird und ich mich bis zu den Knien einbetoniert in einer Grube wiederfinde. Schließlich haben sie mich und meinen Hund gesehen und wissen wo ich wohne. Schnell verwerfe ich den Gedanken, rühre den Zucker in meinen Kaffee und verfolge die Radio1 Verkehrsnachrichten. Die Berliner S-Bahn verbreitet immer noch Angst und Chaos. Gibt wichtigere Dinge als einige illegale Zigarettenverkäufer.  Irgendwie fangen sie mir auch an Leid zu tun, wie sie da bei Wind und Wetter auf Käufer warten. „Rauchen ist blöd!“ denke ich… „muss ja keiner bei denen kaufen.“

Dann studiere ich meine Tageszeitung und verdränge den Vorfall. Als ich am Nachmittag im Park spazieren gehe, treffe ich Ralle. „Wat machst’n du hier?“ frage ich erstaunt. Ralle sieht mich etwas verständnislos an. „Wollteste mich besuchen?“ Ralle hatte mich in meiner neuen Bleibe noch nie besucht und die obligatorischen Wochenendspaziergänge mit seiner Frau und den Kindern hasste er. „Eigentlich nicht. Hab da ne neue Quelle aufgetan.“ flüstert er verschwörerisch. „Aha? Na sag an… PC’s?“ flüstere ich zurück. „Nee, Zigaretten! Hab gehört gleich bei dir um die Ecke gibt es ein paar Vietnamesen, die verkaufen die Stange für den halben Preis.“ Bin ich etwa immer noch nicht wach, denke ich. „Bist du also ooch einer von denen, die die Mafia unterstützen?“ bricht es aus mir heraus und ich weiß nicht, ob ich ihm auf der Stelle die Freundschaft kündigen soll. „Na hab dich mal nicht so. Verstehst du als Neu-Nichtraucher eh nicht. Weißte wat’ne Schachtel jetzt kostet und wat ick auf Nachtschicht wegqualme?“ fährt er mich an. „Ne, aber…“ ich komme nicht weiter. „Außerdem isset doch für alle juht. Ick komm billig an die Fluppen ran, den armen Jungs aus Vietnam helfe ich so etwas auf die Sprünge und du nimmst ja ooch gern eine von mir, wenn wir unterwegs sind.“ Ich bin kurzzeitig entwaffnet. „Aber ich wusste doch nicht, dass du die hier kaufst.“ kontere ich halbherzig. „Schwamm drüber. It is wie it is! Vergiß es, du bist ooch kein Samariter. Oder haste gefragt, woher dein Laptop kommt?“ Nun war ich endgültig gefechtsunfähig. Nach einer kurzen Pause schlägt mir Ralle auf die Schulter. „Haste dir schon ’ne Karte gegen 1860 München besorgt? Steht doch der Termin, oder? Mittag kannste bei uns essen. So, muss jetzt weiter. Eisern!“ gibt meinem Hund ein Klaps und zieht weiter.

„Was für eine verrückte Welt“, denke ich und verbringe den Nachmittag damit, im Internet nach günstigen Vietnamreisen zu suchen. Ich hatte mich entschieden auf ehrliche Weise zu helfen – Vor-Ort-Aufbauhilfe. Als ich mitten in der Routenplanung bin, klingelt es. Ich sperre meinen Hund ins Arbeitszimmer und öffne die Tür. Vor mir steht meine Obermieterin. In der linken Hand eine Tüte Zucker, in der rechten eine Flasche Merlot und eine Tüte mit Plätzchen. „Wollt misch noch bedanken. Vielleicht Lust auf ein Glas Rotwein?“ Ich bin doch wach, oder? „ Naja, mhh, ähh, ja natürlich. Tip Top! Hatte eh nichts vor.“ stottert es von der Hüfte kommend aus meinem verwirrten Kopf. „Haben sie vielleicht Zigaretten? Nein? Kein Problem. Hab da meine Quelle hier um die Ecke. Bin gleich zurück.“ Verschmitzt zwinkert sie mir zu und verschwindet mal wieder im Nebel der Treppenflurbeleuchtung.

Ich versuche die Grundordnung in meinem Wohnzimmer herzustellen, hole zwei Weingläser, werfe Van Morrison in die Anlage und dekoriere den Tisch mit einem Aschenbecher–direkt neben meiner Zuckerschale. Verrückte Welt!


1 Antwort zu „Sugar and Cigarettes“


  1. 1 =)
    Februar 22, 2010 um 5:52 nachmittags

    Oh ja das frühe Aufstehen….wird besonders von den Schülern sehr geliebt^^ Interessantes Foto. Musste am Anfang ein bisschen überlegen was darauf abgeblidet ist, aber finde es sehr cool. :) Und Sie sind unter die Nichtraucher gegangen?! Respekt!!! Verrückte Welt! Damit haben Sie in jeder Hinsicht Recht. =)
    Frauke (falls Sie noch wissen sollten wer ich bin ;) )


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