15
Mai
08

Der Mensch ist wie er weiter zieht!


++Sonntag++14:30++sonniger Nachmittag++ Friedrichshain++Berlin++
Es könnten südländische Verhältnisse sein. Leute treffen sich unter freiem Himmel, genießen die Restwärme des Tages, spielen Volleyball, Kinder jagen über die Wiesen, Hunde markieren schnuppernd ihr Revier, bunt gekleidete Musiker trommeln auf Kongas, ein Duft von gegrillten Bratwürsten liegt in der Luft. So das Szenario am Nachmittag, als alles begonnen haben muss.

++Sonntag++23.50++lauer Abend++Friedrichshain++Berlin++
Mittlerweile kämpfen sich drei Feuerwehrwagen mit Blaulicht durch die engen Zufahrtswege und ein grün/weißer Corsa demonstriert Kraft strotzend die Staatsgewalt. Von außen wirkt der Park zwischen Bötzow-Viertel und SEZ wie ein libanesischer Kampfschauplatz. Meterhohe Feuer erhellen die Nacht über Berlin. Gröhlend zerbersten Flaschen, entleeren sich Schatten entlang der Joggingmeile, schrecken Technoklänge den Reiher in seinem Weiher und frischt der Geruch von verbranntem PVC bei meinem Hund die traumatische Erinnerung an letztes Silvester auf, der nun mit eingezogenem Schwanz nachhause drängt.

++Montag++8:15++verschlafener Morgen++ Friedrichshain++Berlin++
Es ist wieder Ruhe eingekehrt im Park. Die ersten Sportfreaks ziehen unbeeindruckt ihre Runden. Jetzt erst erkennt man die Ausmaße der letzten Nacht. Wäre nicht traumhaftes Frühlingswetter, könnte man mit einem plötzlichem Wintereinbruch gerechnet haben. Aus der Ferne bedecken die Picknickabfälle wie eine schmutzig-weiße Schneedecke die Wiesen. Flaschensammler haben heute einen Glückstag, denn im Scherbenmeer fischen sie noch einige intakte Flaschen heraus. Umgekippte Abfallcontainer offenbaren gähnend den Grund für die brennenden Barrikaden der Nacht. Plaste und Elaste, Essenreste, Badmindtonschläger, Papiergeschirr und komplette Grillsets liegen verkohlt aneinander gekuschelt im klebrigen Löschwasser.

Momentaufnahme? Leider nein! Je länger die Wochenenden, umso brutaler schlägt “Mensch“ mit Ignoranz und Micro-IQ zu. Unterstellen wir “ihm“ keine Absicht! Dann stellt sich allerdings die Frage nach dem Warum? Hat es ihm keiner gezeigt, seinen Müll in einer Tüte in den 15m entfernten Papierkorb zu werfen? Sieht er darin einen stillen Protest gegen das Establishment? Sucht er nach einem Weg, die Arbeitslosigkeit abzubauen, indem er glaubt, die BSR stellt zusätzliche Mitarbeiter auf 1 Euro Basis ein, die unter dem Motto „Wir bringen das in Ordnung!“ jubelnd über die Wiesen tanzen und “seinen“ Dreck beseitigen?

Ignoranz scheint die Antwort zu sein. Anstandsregeln werden ignoriert – für ältere Menschen die Laptoptasche in der Bahn vom Sitz stellen – uncool?! Das Miteinander wird ignoriert – man parkt sein Auto, egal ob ein weiterer Wagen Platz gehabt hätte – scheißegal?! Rücksichtnahme wird ignoriert – da werden im Ruheraum der Sauna Geschäftsessen per Handy-Konferenzschaltung organisiert – very VIP?! Zivilcourage wird ignoriert – schön blöd, wer mit eingreift, wenn Mitbürger angepöbelt und verprügelt werden – mein Problem?! Die Umweltproblematik wird ignoriert – der Müll wird gleich an Ort und Stelle im Container im Park verbrannt – clever?!

Aber in einem Punkt sind sich dann wieder alle einig. Die Probleme, die den eigenen kleinen Mikrokosmos betreffen darf man nicht ignorieren. Da ist man sich dann schnell einig, wenn es darum geht sich Luft zu machen und in den Chor der Besserwisser einstimmt. Leider kommt am Ende nur unkonstruktiver Kritikausschuss raus, denn zum Positiven würde sich ja nur was ändern, wenn man nicht mehr so ignorant wäre und das wiederum hieße wiederum, selbst mit anzupacken.

Eine Frage des Alters? Ich weiß nicht – das ließe zumindest hoffen. Eine Frage des Intellekts? Glaub ich ehrlich gesagt nicht, denn das Publikum ist gemischt und viele scheinen unter der Woche an der Uni abzuhängen. Eine Frage der sozialen Stellung? Eher nicht, denn der norddeutsche Nachbar mit Boss-Anzug zündet sich die Kippe schon im Hausflur an und schmeißt sie dann aus dem S-Klassefenster. Nein, ich kann da auf die Schnelle keine Antwort geben. Auf der Seite des Bötzow-Viertels sah es jedenfalls nicht ganz so schlimm aus an diesem verschlafenen Morgen.

Aber wer bin ich schon, dass ich mich aufregen darf. Ein alter Icke, der mal zu Besuch ist und sich dann wieder in die Natur der Mecklenburger Seenplatte zurückzieht. Wie singen die Counting Crows in ihrer Coverversion von Mitchels „Big Yellow Taxi“? …

„Don’t it always seem to go that you don’t know what you got ’till it’s gone…!“.

Ist eben doch noch ein Stück von mir – dieses Berlin und so hole ich mein Plastetütchen aus der Tasche, sammel die Verdauungsrückstände meines Hundes ein, entsorge sie im nächsten Müllcontainer und ziehe weiter mit gutem Gewissen und den Counting Crows im Ohr.


1 Antwort zu „Der Mensch ist wie er weiter zieht!“


  1. Mai 16, 2008 um 11:35

    Sehr schön beschrieben. Ich wohne im Bötzowviertel und verstehe jede einzelne Zeile. Im Alltag hebe ich Sachen auf, die am Boden liegen und schmeiße sie in den Mülleimer. Bei mir im Haus lege ich die zeitungen zusammen, die alle einfach aus dem Briefkasten auf den Boden fallen lassen. Aber einen ganzen Park räume auch ich nicht auf. Bleiben zwei fragen: 1) Braucht der Park einfach mehr Mülltonnen oder 2) Brauchen die Menschen mal einen kräftigen BSR Streik, so dass sie lernen ihren Dreck wegzumachen, da man sonst nicht im Park liegen kann. Ich wünsche mir letzteres!

    Solltest du mal positive Nachrichten haben: http://www.1000gutenachrichten.de


Eine Antwort schreiben




 

Mai 2008
M D M D F S S
« Apr   Jun »
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728293031  

Blog Stats

  • 7,144 hits

Flickr Photos

27/365 : Escape

let the wind blows

Untitled

More Photos