28
Mär
08

The Revolution is dead – let’s make a Love Revolution!

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Die Revolution begann schon fast eine dreiviertel Stunde vor Einlaß in die Columbiahalle , als der Veranstalter mit der Situation völlig überfordert war, Normalkartenträger von Internetkartenträgern zu separieren. Hatte man vier Kartenabreißer für die “Normalos” an zwei Türen abgestellt, war ein bedauernswerter, aber netter Mann damit beschäftigt, die Wolke von Fans abzufertigen, die sich nach Anweisung der imposanten Einlasser zu einer begehrten Tür quer durch die Massen schieben musste, um sich dann einzeln auf einer Namensliste mit einer etwa achtstelligen Zahl heraussuchen zu lassen und vom besagten Yoga-Mann abgeglichen zu werden, um dann freundlich die Ehre zu erhalten, das Innere der heiligen Rockhalle zu betreten. Aber das durchwachsene Publikum behielt die Nerven und so hing ein Duft von Blumen über der anfänglich gereizten Situation. Warum auch Stress machen, brauchte man doch die Energie für den smarten “US-Altrocker”. Schließlich war mir sein “cabdriver” schon vor etwa 18 Jahren ein Wurm im Ohr und ein Highlight in jedem Studentenclub…damals in den 90ern. So war es auch nicht verwunderlich, dass das Publikum auf einem Dreigenerationenausflug zu sein schien. Wendehippies mit angegrauten Restlocken neben jungen Abiturientinnen, die wohl eher von der maskulinen Ausstrahlung des sich immer perfekt selbstdarstellenden Womanisers angetan waren und einem anscheinend organisierten Betriebsausflug von Sony Ericsson, die sich die komplette Loge als VIP Bereich abgesperrt zu haben schienen.

Dann war es endlich soweit. 20:26 trat Lenny auf die Bühne und rockte gleich richtig los, die Köpfe wogten im Takt und meine Nachbarin schien textsicher mitzusummen. Begeistert leuchteten ihre Augen beim Anblick des “Revolutionärs der Liebe”. Eine spärliche Bühnenshow, die sich lediglich auf einige bunten Scheinwerfer reduzierte, ließ die Konzentration nicht von der siebenköpfigen Crew abschweifen. Neben der üblichen Rockbesetzung mit Gitarre, Schlagzeug, Bass hatte man sich mit Bläsern aus der Anfangszeit von “Are you gonna go my way” verstärkt. So war auch die Playlist eine Reise durch Lennys bisherige Schaffensperiode von “Let Love Rule” (1989) bis “Baptism” (2004).

Wer auf die Vorstellung seiner neuen CD gehofft hatte, für die er einige kreative Jahre pausierte, wurde enttäuscht. Aber zu dieser Tour lud Kravitz dann alle seine Liebesjünger nochmal im Sommer ein. Lediglich “I’ll be waiting”, das es schon in Bohlens DSDS oder “Klone einen Star” geschafft hat, bot Lenny als Hörprobe dar. Überhaupt schien der gerade von einer Lungenentzündung genesene Superstar seinen Auftritt eher als Testsession zu betrachten, um herauszufinden, wie fit er und seine Mitstreiter schon sind, um spätestens bei der großen Tour im Sommer voll einzusteigen. Für mich, der von der ersten Vinylplatte die Karriere des 1964 in New York geborenen Retrohippies verfolgt hat, war es dann eine doch eher laue Reise, zumal der legendäre “cabdriver” bereits als dritter Song sein Pulver verschoss. So richtig wollte die Energie dann auch nicht überspringen.

Gab Lenny einem zumindest das Gefühl, wieder froh zu sein, auf einer Bühne zu jammen, waren seine Begleiter auf den Saiteninstrumenten eher gelangweilt, der Mann an den Drums konnte seinen Emotionen bei den doch eher einfachen Kompositionen nicht so richtig freien Lauf lassen und so brillierten für mich eigentlich nur die Bläser bei einer 25-minütigen Jam Session, wo jedes Instrument für Lenny “soloieren” durfte. Aber ist man beeindruckt, wenn man auf Kravitz’ Booklets ließt, dass die meisten seiner Songs nicht nur selbst geschrieben, komponiert und jedes Instrument vom Altrocker selbst eingespielt wurde, was sich vor der heimischen Anlage als geradliniger Rock darstellt, so merkt man spätestens bei der Live-Performance, um die Einfachheit der Komposition, die wenig Raum für die Kreativität der Live-Musiker lässt.

Inhaltlich hat sich der Anfang der 90er noch als problemorientierter Rastaman rockende Kravitz immer mehr in die Schmuserockerecke gespielt. Mit jeder seiner neuen Platten wurden die Haare etwas kürzer und leider auch seine Musik berechnender. Ohne Frage, er weiß, wie man Balladen komponiert, um sich erfolgreich in die Herzen der Frauen zu spielen. Aber irgendwie scheinen seine Affairen nur von kurzer Dauer, wie auch seine Konzentration auf problemorientierte Texte. So wundert es dann auch nicht, wenn aus Herzschmerz und etwas Weltschmerz eine “Loverevolution” wird, die in einer Überlängenversion von “Let love rule” gipfelte. Nachdem Kravitz einige Songs früher bei “American Woman” noch wie ein Robinson Club Animateur von einer Seite der Bühne zur anderen springt, um sein Publikum im Robotstyle zum Klatschen zu bewegen, beendet er seinen eher seichten Gig mit erhobener Faust und ruft seine Jünger auf, mit ihm gemeinsam die Revolution der Liebe in die Straßen von Berlin zu tragen.

Einige Wochen zuvor beendeten die Beastie Boys an gleicher Stelle ihr Konzert mit einem Gruß an ihren Präsidenten und heizten dem Publikum mit “Sabotage”, ihrer musikalischen Abrechnung mit der amerikanischen Größenwahnpolitik, nochmal so richtig für den Heimweg ein. An diesem Abend fragte ich mich auf der Fahrt zurück nach Mecklenburg einfach nur, ob ich begeistert sein sollte, weil ein perfekt gestylter Lenny Kravitz, seine schnörkellosen Rocksongs plattengetreu runterspielte und seine weiblichen Fans bei den Balladen verträumt ihre Handys im Takt durch die Luft wippen ließen. Oder ob mein Bild vom coolen Rockrevoluzzer Risse bekommen hatte, weil der Funke für das Pulver der “Love Revolution” bei mir einfach nicht überspringen wollte?

Bleibt die Hoffnung auf den Sommer, wenn Lenny Kravitz wie versprochen auf seiner geplanten Zweijahrestour nochmal nach Berlin kommen will. Ob ich dann wiederkomme, entscheidet sich, wenn mich seine neue “It’s time for a Love Revolution” CD, die als eine seiner kreativsten in der Musikpresse gefeiert wurde, überzeugt hat. Bis dahin…Let Love Rule!


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